Spree-Athen e.V.

Texte / Bibliothek

"Unsere Begegnungen könnte man auch ein unendliches Gespräch zwischen Philosophie, Literatur, Religion und Psychologie nennen – oder eine Bewegung zwischen Philosophieren, Dichten, Glauben, Wissen und Wahrnehmen."

Das Denken zum Tanzen bringen.

 
Neue Einsichten zu einer Philosophie des Wandels und der Bewegung.

Mit seinem neuen Buch zur Philosophie des Wandels und der Bewegung möchte Rudolf zur Lippe
unser Denken zum Tanzen bringen.
 
 
Der Autor, der von 1974 bis 2002 als Professor für Sozialphilosophie und Ästhetik an der Universität
Oldenburg lehrte, hat bereits zahlreiche Bücher zu den Themen Sinnenbewusstsein ,
Am eigenen Leibe , Entfaltung der Sinne etc. verfasst. Bekannt ist der in Berlin und Hude lebende
Philosoph, Künstler und Ausstellungsmacher nicht zuletzt für die Karl Japsers Vorlesungen zu Fragen der
Zeit , in denen er über 15 Jahre lang Denker aus Europa, Asien und Afrika in Hude zum gemeinsamen
Gespräch eingeladen hatte. Das transkulturelle Philosophieren sowie seine zahlreichen anderen Projekte
aus dem Bereich der Kunst konzipiert er im Rahmen seiner Stiftung Forum der Kulturen .

Die folgende Rezension seines neuesten Buches wurde nicht zuletzt von der mitreißenden Präsentation desselben im Berliner Radialsystem V angeregt, die aus einem Gespräch des Autors mit dem japanischen Philosophen Ryosuke Ohashi und der international renommierten Choreographin Sasha Waltz bestand.

von Frank Hahn
 

Von einer Philosophie des Wandels und der Bewegung handelt das neue Buch Rudolf zur Lippes. Der Autor knüpft darin an den früheren Titel „Wahnsystem Realität“ an, indem er Menschen aus jedweder Erstarrung – sei sie philosophischer, leiblicher oder politischer Art – lösen und stattdessen in Bewegung bringen möchte. Dies meint er gerade im Gegensatz zur heute überall geforderten Mobilität, die es nur auf Beweglichkeit der Arbeitskraft in einem globalen Markt abgesehen hat. Es gilt also von vornherein, über die Begriffe aufzuklären. Der Titel „Das Denken zum Tanzen bringen“ bietet demgegenüber einen begrifflich unbelasteten und daher ungewohnten Einstieg in neue Wege des Philosophierens. Dürfen wir als Leser also einen tanzenden Text erwarten, Worte, die Pirouetten drehen, Buchstaben und Silben, die umeinander kreisen, Sätze, die Sprünge machen? Tatsächlich gelingt es Lippe, den Leser durch die Bewegung der Sprache in das Tanzen, Schweben und Schwirren von Vogelschwärmen mitfühlend hinein zu schwingen. Das ist ungewöhnlich für ein philosophisches Buch, steigert aber den Lesegenuss ungemein, und auf diesen kommt es nicht zuletzt an, wenn der Autor unsere Sinne ansprechen möchte.
Was bedeutet im übrigen ein philosophisches Buch? Wir haben bei Sokrates und Nikolaus Cusanus gelernt, dass die Weisheit auf dem Marktplatz und auf der Strasse zu finden sei. Des Cusaners „Jagd nach der Weisheit“ beginnt beim Besuch der Handwerker auf dem Marktplatz. Auch Rudolf zur Lippe geht auf die Jagd – wie er sagt nicht mit Gewehr, Kamera oder Mikrofon. Darauf kommt es eben gerade nicht an, sondern Jäger seien zuallererst Menschen der Zeit. Sie müssten erkunden, wann es wo zu sein gilt. Lippe beobachtet auf seiner „Jagd nach der Weisheit“ die Bewegung der Vogelschwärme, um unsere Sinne für die Bewegung anderer Lebewesen zu öffnen, auf dass wir selbst durch diese Wahrnehmung in Bewegung geraten. Die Umkehrung also der klassischen Motive westlicher Philosophie, die mit Hilfe von Begriffen nach dem Festen, Dauerhaften, Unveränderlichen jagt, das sie stolz in der Hand nach Hause tragen möchte. Lippes Jagd gilt nicht dem Festen, auch nicht dem Bewegten, sondern der Bewegung, die sich nicht fest-stellen lässt.

Die Vogelschwärme – Bahnen und Bewegungen

Folgt man Lippes Pirsch nach wirklicher Bewegung, erhellt am Beispiel der Vogelschwärme rasch, woran die sog. wissenschaftliche Erklärung dieser Schwärme häufig scheitert: der Mensch folgt z.B. mit seinen Augen einem Kranichschwarm am Himmel und entdeckt voller Freude an der Spitze die Form eines Dreiecks. Aber können wir die mannigfache Bewegung des Miteinander, Durcheinander, Zueinander und Voneinander weg auf eine geometrische Figur reduzieren? Schlimmer noch: der Mensch projiziert seine Vorstellung der Bewegung als Ausdruck von Richtung und Intention auf den Vogelflug, so als hätten die Vögel die Absicht, eine bestimmte Strecke in bestimmter Zeit zurückzulegen. Damit aber werde die Bewegung buchstäblich zur Strecke gebracht, so Lippe. „Nicht wozu (mit welchem Ziel) fliegen die Mauersegler so, ist die Frage, sondern worauf antworten sie immer neu?“, dreht der Autor die gewöhnliche Fixierung auf Ziel, Ergebnis, Fluchtpunkt um. Die Ordnung der Mauersegler oder Stare sei nicht Setzung, sondern Antwort. Dabei entstünden in jedem Augenblick neue Antworten aus der großen Zahl winzigster Antworten aller Tiere eines Schwarms auf die Bewegungen von Winden und Landschaft.
Ontologie, Ich-Philosophie, Substanzmetaphysik, Setzung des Absolutem oder des autonomen Subjekts werden hiermit gleich zu Anfang elegant ausgehebelt. Der Schwarm der vielen hundert Vögel folge nicht einem Leitvogel (Setzung), sondern der Leitvogel seinerseits sei nur Symptom, erster Ausdruck eines Geschehens - so wie die erste Blase beim Aufsteigen des kochenden Wassers. Wieder führt die Projektion des zielfixierten Menschen in die Irre: „Die Vögel bewegen sich nicht auf Strecken, sondern in einem dreidimensionalen Raum; eigentlich auch das nicht, sondern im Medium der Luft, die sie trägt, die ihren Flügelschlägen einen Widerstand bietet, die sich selber bewegt und die sie bewegen mit den Schlägen ihrer so kleinen Schwingen. Sie antworten mit jeder ihrer gefiederten Bewegungen auf alle diese Fast- Berührungen zu den anderen Vögeln, mit denen, unter denen sie scheinbar nur ihre Bahn ziehen.“ Die Bewegung antworte auf das Bewegen – analog dazu beschreibt Lippe die „leibpraktischen Übungen“ des Aikido : „Die Begegnungen werden möglich allein im Begegnen.“

Damit der Leser dies in allen seinen Sinnen, Gliedern und Knochen spüre, nimmt Lippe tänzerischen Schwung auf, mit dem er die Worte in ihrem Laut so aufwirbelt, dass ihr Tanz sich überträgt. Die Vögel fallen vom Himmel, stürzen sich in Häuserzeilen hinein, schweben, wenden, schwirren, heben sich, schlagen Haken, gleiten vorüber, ziehen, sausen. Tanzende Menschen gleiten umeinander, aneinander vorbei, irgendwie auch zueinander – ohne Verkehrsanordnung -, so „wie die gefiederten Wesen in ihren luftigen Tänzen“. Mauersegler, Stare, Kraniche und Krähen hat zur Lippe beobachtet und dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede ausmachen können. Was der Mensch von den Vögeln lernen könne, seien nicht Formationen oder Manöver, sondern „ein grandioses Spiel des Umspielens der Nachbarn, von Richtungen, von Fluggesten, von Abständen und Nähe – Bahnen quer und schräg zueinander. Die Vögel suchen nicht Formen zukünftiger Flüge, die jetzt eingeübt und auf den großen Reisen reproduziert werden sollen. Sie suchen den Umgang miteinander und mit wechselnden Konstellationen im Spiel von Situationen und ihren Antworten darauf“. Darin ergäben sich Muster solcher Verbindungen: „Was in diesen Spielen geübt wird, sind nicht die Muster als Formen, sondern der Wechsel der Verbindungen……“

Aber die Sucht und Suche nach dem Festen, nach Strukturen und Gesetzen, nach denen wir unsere Theorien zusammen bastelten, habe sich längst in die Angst vor Bewegung verkehrt. Unsere Vorstellungen vom Leben seien immer abstrakter geworden, indem wir die Wirklichkeit auf ein Zielbild fixierten, während doch das Wort Wirklichkeit sich von wirken ableite, was Zusammenwirken, aufeinander Wirken bedeute und mit Wechselwirkung zu tun habe. Das „Denken zum Tanzen bringen“ bedeutet deswegen Widerstand gegen die Erstarrung im Abstrakten, gegen die Unterwerfung allen Handelns, Wahrnehmens und Denkens unter Intentionen. Der beste Weg, der Natur nahe zu kommen, sei vielleicht der Tanz, „denn auch dort geht es in der Bewegung um Berührung, Abstand und Annäherung, Leichtigkeit und Schwere, Geschwindigkeit und Verzögerung, in der wir erleben und gestalten“. Der Tanz als Denkform, der sogar unsere Erkenntnisse präzisierte? Immerhin jagen wir diesen doch gerade in dem Bestreben hinterher, durch sie der „Natur näher zu kommen“?

Der Text bringt uns tanzend und luftspringend zur Natur, zur beobachtenden Jagd zurück, indem er uns einlädt, vom Starenflug her zu philosophieren: „Die Flüge der Stare sollten als Aufgabe wahrgenommen werden, unser auf Systeme verengtes Bewusstsein zu weiten für Ordnungen, die nicht operationell geplant sind und nicht auf Faktenbasis rekonstruiert werden können. ….das Ordnungshafte liegt in der Bewegung, nicht im Ergebnis“.
Nachdem der Autor die Beobachtung der Vogelschwärme um diejenige der Schneeflocken und Wolken ergänzt hat, löst er die selbst gestellte Aufgabe, mithilfe der Stare unser Bewusstsein zu weiten, beim beobachtenden Spazierengehen im herbstlichen Laubwald. Vom Spiel der Farben und des Lichts unter den noch an Bäumen spärlich flatternden Blättern schweift der Blick in den Haufen trockenen Laubs am Boden. Nun geschieht etwas, das Lippe eine „meditative Erfahrung“ nennt: Durch intensives Hineinblicken in die braunen und gelben, am Boden liegenden Blätter, entsteht eine Empfindung für die Räume zwischen den Blättern: „Plötzlich sah ich nicht mehr Blätter, sondern ihr Liegen!.....Was mich plötzlich erreichte, war eben nicht ein Etwas, nichts Festes, kein Gegenstand – ich nahm Wirklichkeit wahr, aber eben das Wirken, nicht ein Bewirktes.“

Dieses Sehen jedoch könne nur dann gelingen, wenn „das Geschehen außen zugleich ein Geschehen innen ist“. Die Wahrnehmung spräche dann aus uns selbst, in solchen Augenblicken würden wir selbst zu dem, was wir sehen. Ist es nicht genau die Sehnsucht nach solch einer Erfahrung, die Menschen in der Kunst, der Religion oder zuweilen sogar in der Philosophie suchen? Mendelssohns Forderung nach Übereinstimmung von Sache und Begriff könnte hier sogar eingelöst werden – besser vielleicht noch die kühne These des Sprachdenkers Bruno Liebrucks, wonach die Menschen sinnlicher empfinden könnten als die Tiere, wenn Sprache befreit würde von Logik und Semantik. Schade ist es schon, dass Lippe auf das Thema Sprache lediglich kritisch – zu Recht übrigens gegen Saussure gewandt – eingeht, statt den Möglichkeiten der Befreiung des Worts von seiner Bedeutung nachzuspüren. Aber vielleicht wird dies Thema eines weiteren Buches – im vorliegenden geht es ja immer noch um Bewegung und Tanz.

Faszinierend ist an obiger Schilderung der Wahrnehmung des Liegens zweifelsohne die Präzision der Selbstbeobachtung. Keine Spur von hohler „Naturromantik“ oder rauschhafter Hingabe an das Gefühl - auch diese Themen kommen im übrigen an anderer Stelle zu ihrem Recht – finden wir hier, sondern in einzelnen Schritten sorgfältig dargebotene Übersetzung zwischen beobachtend erlebter Natur und einem ebenso erlebten sich selbst beobachtenden Selbst. Für einen solchen Vorgang der Korrespondenz zwischen innerer und äußerer Bewegung hatte die Wissenschaft eigentlich keine „Sprachregelung“ vorgesehen – treu nach dem Motto „und so schloss er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Und was darf nicht sein? Wir dürfen nach logisch-deduktiven Verfahren keine Ordnung des Zwischen denken! Lippe tut dies mit Leichtigkeit und Vergnügen, die ansteckend wirken.

Übungen auf den Spuren des Zwischen

Das Liegen des Laubes wurde so eindringlich wahrgenommen, nachdem der Autor seine Sinne zunehmend auf den Raum zwischen den Blättern gerichtet hatte. In hundert Varianten attackiert Lippe von dieser Erfahrung aus starre Strukturen, Substanzen und feste Kategorien, setzt gegen Begriffe wie Sein, Ordnungsprinzip, Absolutes oder Gesetzmäßigkeit das unabweisbare Zwischen. Grammatikalisch gehört es zur Wortart der Prä-positionen, ist als vor –gesetzt. Oder sogar voraus gesetzt? Hieße dies also doch Ursprung, Ordnungsprinzip? Nein, sondern gemeint ist eine Ordnung als Erlebnis- und Ereignisraum des Zusammenwirkens in der Bewegung, was bedeutet, dass vor alle Ordnung die Bewegung gesetzt ist.
Hier können wir vom asiatischen Philosophieren lernen, das nicht von einem unveränderlichen Sein oder ewigen Ideen ausgeht. Der Autor handelt von Bewegungen im Zwischen, womit u.a. die Frage nach der Einheit und dem Getrenntsein von Menschen und Dingen aufgeworfen wird. Erster Hinweis: der Buddhismus bezeichnet die Annahme eines Getrenntseins der Dinge als Selbsttäuschung.
Ferner stellt Lippe uns Ordnungen im Zwischen vor, die keinen Regeln gehorchten, aber auch kein Chaos darstellten. Zweiter Hinweis: im ostasiatischen DAO vertraue sich der Mensch dem ewigen Wandel an, in dem jeder Vorgang in der Welt sein „Eigenes“ nur in Bezug zu allen anderen verwirklichen könne. Ordnung also sei zu begreifen als ein unendliches Aufeinander und Zusammen-Wirken – in der wechselweisen Durchwirkung des Einen und des Verschiedenen. Diesseits asiatischer Wege habe bereits Goethe von „beweglicher Ordnung“ gesprochen. Schließlich geht es in „Zwischen und die Fremdheit“ um das Spannungsfeld zwischen uns und dem Anderen, aber auch um die Wahrnehmung des Anderen in uns: „Ich ist ein Anderer ist die Einladung in das Reich des Zwischen“ – mit diesem Satz greift Lippe zum einen den Grundgedanken Emmanuel Levinas’ sowie des jüdischen Denkens insgesamt auf, gelangt jedoch nicht zuletzt durch Wilhelm von Humboldt dorthin.

Ungeschminkt polemisiert der Autor gegen die Errichtung von Identitätssystemen, die zur Ausgrenzung führten – das Einebnen der Andersheit in einem multikulturellen Scheinkonsens könne jedoch nicht die Antwort sein. Mit einem Hinweis auf Jacques Derrida hebt Lippe vielmehr hervor, wie sehr wir der Differenz gegenüber dem Anderen bedürften, weil erst sie das Gewebe schaffe, an dem Denken und Wahrnehmen in Bewegung gerieten. Und auch nur aus dem Wechsel dieser Bewegung könne so etwas wie Vertrauen zwischen Menschen entstehen, das nie als Zustand fehlgedeutet werden dürfe, sondern eher als Spannungsfeld, in dem das Zwischen immer auch ein Noch-nicht bedeutet.

Kaum wäre Lippes eigenes jahrzehntelanges Arbeiten am Sinnenbewusstsein und einer Philosophie der Leiblichkeit glaubwürdig, bliebe es nur beim Buch und nur bei zwar sehr präzisen, aber eben in der verdichteten Präzision notwendig abstrakten Gedanken. Die Bewegung im Zwischen soll nicht gelesen, sondern erlebt werden, was jedoch der – vermutlich jahrelangen - Übung bedarf.
Fast unnötig, weil nach bisheriger Lektüre selbst-verständlich, scheint der Hinweis des Autors, dass mit Übung kein militärisches Exerzieren gemeint sei, vielmehr das einübende Aufheben der Starre: lösen sollten wir uns von „Haushaltsergonomie, Straßenverkehrsordnung, Sitzschalenordnungen und Montageraster“, denn Aufgabe der Übung sei es, der „inneren Bewegung auf die Spur zu kommen“.
Die Spur - wiederum ein Wort aus dem reichen Schatz jüdischer Denker wie Levinas, Derrida, Bloch und anderen. Im Deutschen findet sich die Spur so schön im Spüren mit all seinen Abwandlungen wie nach-spüren, auf-spüren, er-spüren etc. Wir spüren etwas in uns, das vielleicht innere Spur äußerer Bewegung ist. Mit dieser Denkfigur arbeitet der Autor tanzend und spielend gegen die Angst vor Bewegung und Wandel, die zugleich darauf verweist, dass wir es verlernt haben, Bewegung ohne Ziel und Richtung zu denken: „Bewegungen werden in die Welt der Mittel und Begriffe projiziert….wir denken an Stelle von Bewegung an den Transport von A nach B.“

Hilfe im übend neuen Erlernen von Bewegung und Wandel sei in der Kunst zu suchen, wenn wir ihre Werke als Spur verstünden. Bilder als Spur der einen großen Bewegung sehen zu lernen, die durch den Maler gegangen ist und sich durch seine Hand auf eine Fläche überträgt, wäre eine übende Beobachtung im Nachspüren der Spuren. Die Übung – sowohl die des Künstlers am Material wie die des Rezipienten an der eigenen Wahrnehmung – lebt von der Arbeit an den Widerständen. In dieser Arbeit gehe es um das Ausloten neuer, bisher unentdeckter Potentiale jenseits aller stofflichen, sinnlichen oder emotionalen Vorprägungen. Dabei würden sich die Veränderung des Selben in der Zeit genauso offenbaren wie das Hervorleuchten des je eigenen und die mögliche Bereitschaft des Subjekts, sich der Bewegung des Wandels selbst anzuverwandeln: „Das stärkt eine Subjektivität im Wandel. Sie kann soviel in Bewegung setzen, wie sie an Bewegung aufnehmen kann.“ Hier leuchtet das Motiv des ästhetischen Widerstands auf, der uns einüben hilft, wieder Utopien zu formulieren, diesmal nicht als „Ideen“, sondern als schon jetzt erlebbare Denkform der Bewegung. Die „reine Idee“ nämlich werde - in der Nachfolge Platons - der Erscheinung entgegengesetzt und sei so zum unberührbaren Ideal mutiert, das einerseits zunehmend des wirklichen Lebens ermangelte, zugleich aber als das Bild des „Wahren, Schönen und Guten“ aufgestellt wurde. In Folge dieser Gegenüberstellung von Inbild und Abbild sei der Kunst zumeist die Aufgabe reiner Nachahmung der Natur zugefallen. Das Prinzip der Wiedererkennbarkeit ziehe sich von Platons Ideenlehre bis zur Zentralperspektive und zur gegenständlichen Kunst. Der Autor selbst spürt, dass in diesem richtigen Hinweis auch die Gefahr schlummert, das Kind mit dem Bade auszuschütten, spricht er in diesem Zusammenhang von einer von Platon selbst „unbeabsichtigten Konsequenz“. An diesem Punkt sei denn auch einmal die Nachfrage erlaubt, warum Lippe nicht mit einem Wort Heraklit, den griechischen Denker des Wandels und der Bewegung erwähnt. Die Frage nach Ursachen und Ursprüngen unserer Angst vor Bewegung ist jedoch nicht nur berechtigt, sondern bedarf dringend weiterer Arbeit an ihr. Vielleicht lernen wir aus der Gegenüberstellung von Heraklit und Parmenides sowie der „mittleren“, aufhebenden Position Platons etwas darüber.
In jedem Fall geht es um Nachspüren. Und wenn wir statt ewigen Ideen nachzuspüren, den Spuren der Bewegung auf die Spur zu kommen versuchten, dann könnte es gelingen, den Dualismus von innen und außen, Wesen und Erscheinung zu überwinden, denn das Nachspüren der Spur steckt an: „Ein Gespür leuchtet auf und wirkt ansteckend auch in uns, weil das, dem wir auf die Spur kommen möchten, von jeher in uns angelegt ist.“

Kunst, Politik und Tanz

Ansteckung, Durchlässigkeit, Spiel des Leibes sollen nach Lippe nicht nur ästhetischen sondern auch politischen Widerstand ermöglichen – wenn nicht ohnehin das eine ohne das andere gar nicht denkbar ist. In der Tat: wie könnte ein „Subjekt“, das innere Bewegtheit verlernt hat und die Spur verloren hat. die in ihm angelegt ist, Widerstand leisten gegen die „Verhältnisse“? Sind diese für breite Schichten der Bevölkerung so „undurchschaubar“ geworden, weil viel zu viel „geschaut“ wird? Die Überflutung der Sinne mit Bildern, die ständige Beschallung des öffentlichen Raums mit kitschigen Klängen haben laut Lippe (dem man nur emphatisch zustimmen kann) die Kunst der Wahrnehmung geschwächt, wenn nicht zerstört. Auf diese Weise erfolge eine Standardisierung und Normierung, die den Menschen zum willfährigen Mitspieler in einer digitalisierten Welt computergestützter Steuerung inzwischen fast aller Produktions- und Lebensprozesse gemacht habe. Paradoxerweise habe dieser Prozess sowohl zu Leib- wie auch Geistfeindlichkeit geführt: der Körper sei mit seinen sinnlichen Funktionen des Tastens, Berührens, Beschauens, inneren Hörens etc. nicht mehr am „Erleben“ der virtuellen Welten des „worldwide web“ beteiligt. Man kann dies tatsächlich jeden Tag beobachten, wenn Menschen im Bus oder auf der Straße nicht mehr ihre Umgebung wahrnehmen, weil sie wie Zombies die Bilder auf ihrem „ipod“ anstarren. Zugleich aber sei der Geist auf das Gehirn reduziert worden, das als „Kommandozentrale“ einer Welt zu funktionieren habe, die auf ein „Sender-Empfänger-Modell“ zusammengeschrumpft wurde. Es ist besonders wohltuend, dass Lippe unser kritisches Bewusstsein gegenüber der Abstumpfungsstrategie der Informationsgesellschaft schärft und konkrete Hilfe von Seiten der Kunst sucht, aber auch politisch-ökonomische Strategien einfordert, die sich der Unterwerfung unter die Machtstrukturen globaler Märkte wie auch globaler Medien widersetzen. Wie schon zu Anfang bemerkt: in Bewegung ist die moderne Gesellschaft bereits, aber nicht in ein „Reich des Zwischen“ und auch nicht zum Aufspüren der Spuren innerer Bewegung und Wandels, sondern verlangt wird Mobilität nur für den Arbeitsmarkt.
Kunst als Ware, Ware als Kunst verdecken die Trostlosigkeit der „Verhältnisse“ statt sie aufzudecken – Lippe knüpft implizit und teilweise explizit an Adornos und Pasolinis Kategorien des politisch- ästhetischen Widerstands an, wobei er sie in genuß- und leibfreudige Denkformen und Denkfiguren übersetzt.

So erhellt er dem Leser gegen Ende des Buches noch einmal dessen Titel, indem er den Tanz als neue Denkform würdigt. Kein Geringerer als Nietzsche dient ihm dabei als philosophischer „Kronzeuge“, in dessen „Zarathustra“ Lippe die Denkfigur Tanz entdeckt hat. Diese originelle These, die der Nietzsche-Forschung zudem weitgehend entgangen zu sein scheint, hätte gerade deshalb eine ausführlichere Behandlung verdient. Auf vergleichsweise knappen 15 Seiten wird der Leser mit einer beeindruckenden Fülle an Texthinweisen und Querverweisen bestürmt, die eine intensive Vertrautheit mit Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des „Zarathustra“ voraussetzt. Doch auch den weniger kundigen Leser führt Lippe direkt auf das philosophische Motiv seiner Neuinterpretation des Nietzsche-Textes: „Der Text wird beherrscht von Widersprüchen und Verletzungen oder gar von Zerstörungen von gewohntem Sinn, wie es scheint. Wenn man sich indessen fragt, nicht auf welcher Ebene sie sich auflösen, sondern wo oder wie sie sich einlösen lassen könnten, wird man in eine Tiefen- und Höhendimension geführt, in der sich eine andere, eine nicht-lineare Verständigung mit der Sprache Nietzsches ereignet….“ Der Autor findet hierfür den aus dem Musikalisch-Tänzerischen entlehnten Begriff des Contre Temps oder der Synkope und fährt fort: „Ich meinte damit, Bewegung und Gegenbewegung sind so gegeneinander gesetzt, dass zwischen ihnen ein Spielraum sich öffnet, der von keiner der beiden Seiten besetzt werden kann und gerade dadurch die Gelegenheit bietet, mit einer Bewegung über den Gegensatz hinaus dahin zu gelangen, wo ein neues Drittes sie einzulösen verspricht. Sprung ist eine der möglichen Bewegungsformen, dies im Tanz zu vollziehen. Eine Aufhebung in eine dritte Dimension…“ Der Tanz als Denkform des Zwischen, in dem der „Widerspruch des Gegeneinanders nicht mehr als gegenwärtig erlebt würde“.

In abschließenden Bemerkungen zur Figur der Posa in den Tänzen des Quattrocento verdichtet Lippe diesen Punkt, wobei er noch einmal auf die Spur eingeht. Jenseits vorgegebener fester Formen habe die Suche nach Angemessenheit des künstlerischen Ausdrucks ähnliche Schritte und Sprünge hervorgebracht, die aber nie identisch gewesen seien. Insofern „konnten sie mehr Spur der Bewegungsvorgänge im Augenblick bewusster Unbewegtheit sein…. Die Formen, die diese ….Spuren hervorbringen, eignen sich ebenso wenig zu zeit-ort-prozess-loser Identität. Unter ähnlichen Bedingungen wird ähnliches entstehen. Aber Ähnlichkeit ist nicht reproduzierbar…..“

Das immer Einzigartige des Augenblicks hervorleuchten zu lassen, in den zugleich eine „heimliche Ewigkeit hineinstrahlt“ – so könnte man Lippes Ersuchen an die Kunst, an die Philosophie der Bewegung und des Zwischen, ausgedrückt in der Denkform des Tanzes, zusammenfassen.
Darin spiegelt sich zudem auf treffliche Weise das Besondere des jüdischen und asiatischen Denkens. Zumindest auf Letzteres gibt das Buch mannigfache Hinweise – ein ganzes Kapitel widmet sich u.a. dem Aikido –, wodurch es einen weiteren Beitrag zum transkulturellen Philosophieren leistet.
Dabei ist es – wie schon betont – eines der wenigen Bücher unserer Zeit, das nicht nur Buch sein möchte. Hier wird eine fast verlorene und vergessene Kunst des Philosophierens wieder lebendig, die nicht nur schreiben, reden und denken will, sondern Wandel und Bewegung der äußeren Verhältnisse durch Wandlung und Bewegung des inneren Erlebens anstrebt.

Die tanzenden Bewegungen und einladend spielerischen Sprünge des Textes sollten den Leser nicht zu voreiliger Leichtigkeit im Umgang mit ihm verführen. Die Sprache des Autors regt die Sinne an, aber der Text erscheint eben auch als sprudelnder Quell tausendfach „unausgeloteter Potentiale“. Diese tatsächlich auszuloten, bedeutet Arbeit am Text, die vom Leser rigoroses Mitfühlen und Mitdenken verlangt. Wie bei großen philosophischen Texten wird man damit nie „fertig“; so ist es auch gedacht, als erregende Anleitung zum ewig freudigen – und arbeitsamen - Üben.