Die große Liebe: romantisch, kitschig oder ...

Simone Lück-Hildebrandt
Simone Lück-Hildebrandt

Die große Liebe: romantisch, kitschig oder revolutionär?

Vortrag vom 23. August 2018,
Literaturhaus Berlin, Fasanenstr.

von Simone Lück-Hildebrandt

Vorab

Als Lehrerin für Französisch habe ich zwar im Literaturunterricht der Oberstufe öfter mit den Schülerinnen und Schülern zum Thema „Liebe“ gearbeitet. Aber die Brisanz dieser Thematik war mir bis ca. vor drei Jahren überhaupt nicht gegenwärtig. Die Bedeutung ist mir erst klar geworden, als ich einen guten chinesischen Freund bei seiner Dissertation unterstützte. Als er mir zum ersten Mal vom „Konzept der romantischen Liebe“ erzählte, waren sofort diese Assoziationen in meinem Kopf. In diesem ersten Gespräch dachte ich mir allerdings, was soll eigentlich dieser Kitsch in einer Dissertation. Dann habe ich angefangen, mich tiefer in das Thema einzuarbeiten. Was dabei herausgekommen ist, möchte ich Ihnen vorstellen und mit Ihnen darüber in Diskussion treten.

I Einleitung

Hinter all diesen Bildern, all dem großen Aufwand, der in den letzten ca. 15 Jahren für Hochzeitsfeiern getrieben wird, verbirgt sich der Traum von der „großen romantischen Liebe“. In einem Zeitungsartikel las ich, dass für eine Hochzeit in der heutigen Zeit locker um 20.000 Euro ausgegeben werden. Aus diesem Artikel war auch zu entnehmen, dass die Ehen der heutigen Zeit im Durchschnitt eine Halbwertzeit von 15 Jahren haben. Aus der Statistik des Jahres 2011 geht hervor, dass in Deutschland 49 % der Ehen geschieden werden. In Israel ist die Scheidungsrate am niedrigsten, in Belgien am höchsten.

Wir müssen erkennen, dass diese Statistiken den oben gezeigten Bildern und der Hoffnung auf die ewige große Liebe diametral entgegengesetzt sind. Und dennoch ist unser Denken und Handeln unterschwellig immer wieder von diesem Bild der „romantischen Liebe“ beherrscht. Es stellt sich die Frage, woran das liegt.

Antworten möchte ich mit zwei Thesen:

1) Das „ursprüngliche“ Konzept der romantischen Liebe hat mit diesen Bildern überhaupt nichts zu tun und

2) Diesen kitschigen Bildern liegen doch Realitäten zugrunde, die wir kennen sollten, um uns besser dazu positionieren zu können.

II.1 Zur ersten These


Man muss sich zunächst vergegenwärtigen, dass parallel zu der etappenweisen Herausbildung der Vorstellung vom Individuum – so wie wir es (bei aller Vorsicht) heute verstehen – auch die Entwicklung der Liebesvorstellung von statten gegangen ist. Wenn wir uns vergegenwärtigen wollen, was in früheren Zeiten der Begriff „Individuum“ bedeutete bzw. welche Vorstellung von Liebe existierte, sind wir vor allem auf literarische Beispiele angewiesen. Niklas Luhmann hat in seinem als grundlegend betrachtetem Werk „Liebe als Passion“ zu dieser Thematik eine Unmenge an literarischen Beispielen durchforstet, um anhand dessen seine soziologischen Erkenntnisse über die Liebesvorstellung zu entfalten.

Betrachtet man die verschiedenen Epochen der deutschen bzw. europäischen Literatur, bemerkt man sehr schnell, dass zu allen Zeiten die Liebesthematik eine der wesentlichen Säulen des literarischen Geschehens ist. Denis de Rougemont hat in seinem 1939 erschienenen Buch Die Liebe und das Abendland formuliert:

„Liebe und Tod, Liebe, die zum Tode führt: ist das nicht die ganze Dichtung, so doch wenigstens all das, was in unseren Literaturen allgemein bewegend ist, […] Die glückliche Liebe hat keine Geschichte. Es gibt Romane nur von der Liebe, die zum Tode führt, d.h., von der bedrohten und vom Leben selbst verdammten Liebe. Was die abendländische Lyrik begeistert, ist nicht die Sinnenfreude oder der reiche Frieden der Vermählten. Es ist weniger die erfüllte Liebe als die Leidenschaft der Liebe. Und Leidenschaft bedeutet Leiden. Darin liegt der innere Sinn.“

Bis ins 18. Jahrhundert ist die literarische Liebesbeziehung immer eine Beziehung, die sich gegen die Normen der Gesellschaft Bahn bricht und letztlich in der Anerkennung der Unterordnung des Individuums unter die gegebenen gesellschaftlichen Normen zusammenbricht bzw. mit dem Liebestod endet.

So geschehen in der von vielen mittelalterlichen Künstlern interpretierten Erzählung von Tristan und Isolde, die aufgrund eines versehentlich gereichten Zaubertrankes einander in Liebe verfallen. Nikolaus Henkel (Universität Freiburg) fasst die Legende folgendermaßen zusammen:

„Sie besteht aus einer Abfolge von Versuchen der beiden Liebenden, ihre Liebe gegen die höfische Gesellschaft zu verwirklichen. Die Binnengliederung dieser Handlungssegmente folgt einem einheitlichen Muster: Täuschung des Hofs durch die Liebenden – punktuelle Verwirklichung der Liebe – Entdeckung. Bei aller inhaltlichen Variation ist dieser Dreischritt stets zu beobachten. Dabei impliziert die Verwirklichung der Liebe, sei es, daß sie sich über eine längere Phase erstreckt, sei es, daß sie auf wenige Stunden begrenzt ist, stets ihre Gefährdung und Zerstörung“.

Bei aller Auflehnung gegen die mittelalterliche Ordnung, an der auch eine gewisse individuelle Willensentscheidung der beiden Liebenden entdeckt werden könnte, muss doch verdeutlicht werden, dass ihre ursprüngliche Entscheidung füreinander einer äußeren Macht – dem Zaubertrank – entstammt. Der Grund, dass die Liebe scheitert, liegt hier darin, dass er vielmehr von außen und nicht aus den Individuen selbst kommt. Natürlich kann man den Zaubertrank als Metapher für das Schicksal oder für „die Liebe auf den ersten Blick“ interpretieren. Aber das letztlich völlige Ausgeliefertsein einer Gesellschaft gegenüber, für die noch keine individuelle und freie Entscheidung für den jeweiligen geliebten Partner existieren konnte, ist doch unübersehbar. Henkel bemerkt zu Recht, dass „Beide Liebende…in die menschliche Gesellschaft [zurückkehren], nicht aus ihrem Paradies vertrieben – wie Adam und Eva –, sondern aus freien Stücken, weil der Mensch die menschliche Gesellschaft braucht“. Aber diese Gesellschaft ist eben diejenige des hohen Mittelalters, in der der Einzelne in einen der drei Stände fest eingebunden ist. Im Rahmen seines Standes erfüllt er die von ihm erwarteten Aufgaben, ohne eine Vorstellung davon noch eine Möglichkeit dazu zu haben, einen eigenständigen, „freien“ Weg zu beschreiten. Einzig der Eintritt in ein Kloster ermöglicht – u.a. auch dem unteren Stand – den Zugang zur Bildung: Grundlage für ein möglicherweise eigenständiges Denken, das jedoch noch weit davon entfernt ist, in Handlung umgesetzt zu werden.

Das Drama Romeo und Julia von Shakespeare, das hier als zweites wichtiges Werk für die Auffassung von Liebe anzusprechen ist, beschreibt vor allen Dingen die Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die in Verona zwei verfeindeten Familienclans angehören. Die oberitalienischen Städte – darunter Verona – zeichnen sich durch gesellschaftliche Veränderungen aus, die bereits den Übergang vom Mittelalter zur Renaissance vollziehen. D.h. der Einzelne ist zwar nach wie vor fest in die gesellschaftlichen Traditionen eingebunden, aber die Prosperität der Handwerkskünste, die Öffnung hin zu fernen Ländern, die entstehende Schicht des reichen Bürgertums ermöglichen erste Schritte hin zur Bewusstwerdung einer eigenständigen Individualität. Die Loslösung der Wissenschaften und der Künste aus den Fesseln der religiösen Lehre trägt ebenfalls zu dieser Entwicklung bei. Insofern ist es gut nachvollziehbar, dass Romeo und Julia – trotz der Todesfeindschaft zwischen ihren beiden Familien – sich in ihrer Liebe zueinander bekennen und alles daran setzen, ihre Liebe auch zu leben und vor Gott zu besiegeln. Dass dieses Unterfangen dennoch mit ihrem gemeinsamen Tod endet und sich auch hier die Liebe nur im Jenseits realisiert, mag den nach wie vor bestehenden Beschränkungen der Zeit geschuldet sein. Immerhin erkennen die beiden verfeindeten Familien ihre Schuld an dem Tod der beiden Geliebten an und beschließen, die Fehde zu beenden. Das ist im Vergleich zum Liebeskonzept von Tristan und Isolde bereits ein großer Schritt in Richtung auf die Entwicklung des Individuums.

Bei der zeitlichen Positionierung dieser Liebesgeschichte muss man sich allerdings vergegenwärtigen, dass sie auf dem Hintergrund von französischen, italienischen und englischen „Vorlagen“ vermutlich im Jahre 1597 erschienen ist, sich jedoch auf einen Zeitraum im 14. Jahrhundert bezieht. D.h. dieses Liebesdrama „spielt“ zwar in der Zeit der Renaissance, wird jedoch aus einer zeitlich viel späteren Perspektive geschrieben, in der das Bekenntnis zum Individuum schon stärker ausgeprägt war.

Bernhard Rathmayr macht das Verhältnis zum Individuum über die Epochen hinweg noch klarer:

„Es dauerte Jahrhunderte, bis […] jenes Prinzips [außer Kraft gesetzt wurde], das seit jeher die Anbahnung der Ehe dominiert hatte: die Macht der Eltern, über die Töchter und Söhne. Bis in das 16. Jahrhundert bestimmten insbesondere die adligen Väter die Partner/innenwahl ihrer Kinder, bisweilen schon in deren zarten Alter, und die Bürger/innen machten es ihnen nach, zumindest versuchten sie es. […] In weiterer Folge war es nicht mehr der Vater, sondern der Sohn, der um eine Braut warb, die zwar nicht von sich aus einen Mann suchen konnte, aber frei war der Werbung zuzustimmen oder nicht. Die bürgerlichen Eltern waren es nun, die ein Vetorecht gegenüber der Wahl der Kinder hatten.“

D.h. in Shakespeares Drama ist genau die Schnittstelle des Umbruchs – von der Elternwahl hin zur Partnerwahl – eingeflossen.

Auch die Liebesthematik in der Epoche der sich herausbildenden Monarchien in Europa – besonders in Frankreich – führt uns in erster Linie die Liebe, die scheitert, vor Augen. In den Dramen von Jean Racine – Phèdre und insbesondere Bérénice – steht der Gegensatz zwischen leidenschaftlicher Liebe und Vernunft im Mittelpunkt. Die leidenschaftlich liebende Frau und der Herrscher, der sich letztlich der Verant-wortung gegenüber dem Königreich unterwirft, verkörpern diesen Gegensatz. In der Princesse de Clèves von Mme de Lafayette kommt jedoch auch eine andere Facette der Liebesdramatik zum Tragen, nämlich die der vermeintlich ehebrecherischen Frau. Die Princesse, unglücklich mit dem Prince de Clèves verheiratet und der höfischen Gesellschaft angehörig, verliebt sich in den Duc de Nemours. Obwohl der Duc de Nemours um ihre Liebe weiß, vermeidet die Princesse möglichst jeden Kontakt mit ihm, soweit es ihr in der höfischen Gesellschaft, die ständige Präsenz der Adligen fordert, möglich ist. In sich gekehrt, erlebt sie jedoch alle Gefühlswallungen dieser Liebe. Schließlich gesteht sie ihrem Mann gegenüber, der sie ebenfalls verehrt und liebt, ihre Liebe zu dem Duc ein. Obwohl der Prince de Clèves vor Kummer stirbt und die Princesse nun für ihren Geliebten frei wäre, zieht sie sich vom Duc de Nemours für immer in ein Kloster zurück. Hier taucht wieder die Metapher des Klosters wie am Ende von Tristan und Isolde als sogenannter Ausweg für die unglückliche Liebe auf. Sowohl in ihrer Liebe wie auch in ihrer Entscheidung, dem Geliebten und der Welt zu entsagen, behauptet die Princesse jedoch ihre ganz individuelle Entscheidung entgegen den Traditionen und Gepflogenheiten der höfischen Gesellschaft. Die höfische Gesellschaft ist ein eigenständiger Kosmos, in der der Feudaladel zwar seine Privilegien behält, jedoch durch den absoluten Herrscher domestiziert wird. Der hierarchische Gesellschaftsaufbau – die drei Stände – wird grundsätzlich nicht in Frage gestellt, dennoch geben z.B. die Aufstände selbstbewusster Bürger gegenüber ihrem Stadtherrn wie auch die geistigen Veränderungen, die sich durch die Ausbreitung der Reformation ergeben, eine Richtung vor, die in dem Individuum die Erkenntnis reifen lässt, dass sein Lebensweg nicht von Gott alleine oder vom Monarchen vorherbestimmt ist, sondern dass es den Lebensweg auch selbst gestalten kann.

Die Entscheidung der „Princesse“, ihrer Liebe zu entsagen – und zwar nicht aus Gründen, die ihr von außen auferlegt werden, sondern aufgrund ihrer ganz individuellen Erkenntnisse und Einsichten – vermittelt einerseits eine Vorstellung von der zerstörerischen Kraft der Liebe und markiert andererseits eine neue Etappe in der Entwicklung des Individuums

Die Maxime der Aufklärung, den Menschen aus „seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien“, bedeutet nicht nur, sich mutig seines Verstandes zu bedienen, sondern platziert schließlich auch die Natur des Menschen, seine natürlichen Bedürfnisse, seine Empfindungen, seine Gefühle, in einen neuen Rahmen – selbst wenn diese Entwicklung hin zur Empfindsamkeit eher als Reaktion auf die zunächst starke Betonung des Rationalen gesehen werden muss. Dementsprechend ist der literarische Prototyp für diese grundlegende Veränderung der Weltsicht Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther, dem weniger in Deutschland als vielmehr in Frankreich ein langanhaltender Erfolg beschieden ist.

„In Werther entdeckten die französischen Schriftsteller den Prototyp des modernen Subjekts,[…] Von Goethes Roman lernten seine Nachfolger die Methode, durch Beobachtung des eigenen Verhaltens und Bewußtseins die monströse Wahrheit aufzuspüren, die sich unter dem glückverheißenden Wort ‚Liebe‘ verbirgt“, (Schlaffer, Heinz: Die Vorzüge der ‚Leiden des jungen Werthers‘. In: Sinn und Form 2/2015, S. 197)Nur auf dem Hintergrund der großen gesellschaftspolitischen Umwälzungen (Französische Revolution) sowie der grundlegend materiellen Veränderungen (Industrielle Revolution) kann die weitere Entfaltung des Ichs hin zum autonom handelnden Subjekt vollzogen werden. Die Entfaltung des Ichs geht sogar so weit, dass Werther nicht die konkrete Lotte liebt, sondern das Bild, das er sich von ihr macht. Dazu analysiert Schlaffer treffend:

„Die Schwierigkeiten haben sich vom Sozialen ins Psychische verlagert. Gerade weil Werther und Lotte nahe beieinander leben und grundsätzlich miteinander leben könnten, tritt ihre innere Verschiedenheit desto deutlicher hervor: Der Intellektuelle und das schlichte Mädchen passen nicht füreinander. Erst unter der Voraussetzung bürgerlicher Gleichheit und Freiheit können sich zwei individuelle Personen finden oder verfehlen. ‚Werther‘ ist der erste bürgerliche Liebesroman. Er entdeckt die moderne Problematik der Liebe: Wer liebt, ist unberaten und mit sich allein.“

Gegenüber der Vorstellung, die Liebe als „verstörenden Triebradikalismus“ zu sehen und darzustellen, muss berücksichtigt werden, dass in der gleichen Epoche der Liebe eine andere Kraft zugesprochen wird. „Zu dieser Zeit wurde eine neue, „moderne“ Auffassung von Ehe, die bis heute besteht, im Gegensatz zu den damals gängigen Vorstellungen von „männlich" und „weiblich“, „legitimer“ bzw. zu verwerfender Partnerschaft oder Erotik, entwickelt.“ Friedrich Schlegel, als einer der führenden Köpfe des Romantikerkreises (dazu zählt auch Schleiermacher und Novalis) leitet gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen neuen Liebesdiskurs ein, der in der weiteren Entwicklung als das Konzept der romantischen Liebe charakterisiert wird. 1799 verfasst er mit dem Roman Lucinde eine völlig neue Sichtweise der Geschlechterbeziehungen:

Danach soll [es] keine Trennung mehr von Liebe und Sexualität in der Ehe, ‚Anstand‘ (als Hausfrau und Mutter) und ‚Verworfenheit‘ (als Hure oder Geliebte) bei der Frau geben. Vielmehr soll sie als ein ganzheitliches Wesen betrachtet werden, das nicht nur nach „Funktionen" und „Tugenden" eingeteilt und aufgespalten wird - sie hat als ein selbständiges Individuum betrachtet und behandelt zu werden, welches sowohl einen Anspruch auf Bildung als auch auf seine Sexualität hat.“

„So, wie sich in der Philosophie erst über den Austausch und die Kommunikation mit anderen so etwas wie Wahrheit herauskristallisieren kann, entwickelt Schlegel in der Lucinde, den dortigen ,Lehrjahre(n) der Männlichkeit‘, den Bildungsgedanken einer Selbstfindung mit und über die Geliebten. Erst in der Beziehung zu seinem/ihrem Gegenüber wird der/die Liebende, er/sie selbst‘.“

Wie kritisch Schlegel die Position der Frau in seiner Zeit betrachtete, wird an einem ironischen Gedicht klar,
dass er einem Gedicht von Schiller gegenüberstellte.

Schiller über die Frauen

Ehret die Frauen! Sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben,
Flechten der Liebe beglückendes Band,
Und in der Grazie züchtigem Schleier,
Nähren sie wachsam das ewige Feuer
Schöner Gefühle mit heiliger Hand.

Ewig aus der Wahrheit Schranken
Schweift des Mannes wilde Kraft,
Unstet treiben die Gedanken
Auf dem Meer der Leidenschaft.
Gierig greift er in die Feme,
Nimmer wird sein Herz gestillt,
Rastlos durch entlegne Sterne
Jagt er seines Traumes Bild.



August Wilhelm Schlegels unveröffentlichte Parodie auf dieses Gedicht

Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wohlig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrissene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,

Halten mit mäßigem Wochengeld haus.
Doch der Mann, der tölpelhafte,
Find't am Zarten nicht Geschmack.
Zum gegornen Gerstensafte
Raucht er immerfort Tabak;
Brummt wie Bären an der Kette,
Knufft die Kinder spät und früh;
Und dem Weibchen, nachts im Bette,
Kehrt er gleich den Rücken zu.

Schlegel bleibt allerdings nicht bei der oberflächlichen Illusion stehen, dass mit dieser wechselseitigen und gleichberechtigten Beziehung das vollkommene Glück und die absolute Weisheit erreicht werden:

„Wie auch beim Bildungsgedanken erscheint die Liebe aber nie rein oder vollkommen, sie schließt Vergänglichkeit und Wandelbarkeit, Irrtum und Mißverstehen nicht aus. Deshalb schreibt Schlegel im Athenäum Nr. 104 auch, daß sie in unendlichen Gestalten erscheint und nie gleich oder ihre Entwicklung vorhersehbar sei. Auch sie bleibt deshalb immer das Ziel unendlicher Sehnsucht bzw. ‚stiller Wehmut‘. Insofern weist auch das Bildungsideal, wie es bei Schlegel eng mit der Liebe verbunden wird, die für seine Philosophie durchgängig charakteristische Spannung zwischen Skepsis, der Notwendigkeit der Relativierung und Selbstbeschränkung, und Enthusiasmus, der Sehnsucht nach Selbsterweiterung und Ausgriff auf ein Absolutes, auf.“ (Birgit Rehme-Iffert, Friedrich Schlegel über Emanzipation, Liebe und Ehe, Tübingen)

Natürlich existiert dieses Liebes- und Lebenskonzept überhaupt noch nicht in der Realität des endenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Im Gegenteil: bis zu seiner ansatzweisen Umsetzung wird es noch ein ganzes Jahrhundert dauern. Aber gerade unter diesem Aspekt muss man die Texte von Schlegel, Novalis, aber auch besonders von Hölderlin als geradezu revolutionär betrachten und sie erneut ans Tageslicht holen.


Im Gegensatz zum Konzept der romantischen Liebe beschreiben alle entscheidenden um die Liebesthematik kreisenden Werke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die unglückliche Liebe einer Frau, die diese Liebe nicht in der Ehe findet, sondern in der außerehelichen Beziehung sucht, dabei jedoch scheitert und zugrunde geht: Effi Briest, Madame Bovary, Nora, Anna Karenina. Aus der damaligen Perspektive könnte die jeweilige Botschaft zwar als „Warnung“ verstanden werden, sich nicht vom „Pfade der bürgerlichen Ehe“ und den Traditionen abbringen zu lassen bzw. sich nicht in eine unrealistische Traumwelt hineinzubegeben. Dennoch bieten diese Figuren insbesondere den Frauen, aber auch der gesamten Gesellschaft, eine Grundlage, sich mit der autonomen Entscheidung für eine – wenn auch unglückliche – Liebesbeziehung auseinanderzusetzen.

Auf dem Hintergrund der Auflösung der bäuerlichen bzw. handwerklichen Großfamilie und des Zustroms der Menschen in die Städte und Industriemetropolen entwickelt sich die Kleinfamilie, die sich schrittweise der traditionellen Lebensweise und damit der überkommenen Moralauffassung entzieht. Damit werden die Voraussetzungen – auch für die unteren Schichten der Gesellschaft – geschaffen, nach einem einigermaßen selbstbestimmten Leben zu streben. Zudem entwickelt sich langsam eine Frauenbewegung. Es gibt – zwar vereinzelt noch – Wissenschaftlerinnen (Marie Curie), Schriftstellerinnen (Annette v. Droste-Hülshoff), Künstlerinnen (Paula Modersohn-Becker, Camille Claudel), die sich nicht von ihrer Entwicklung abbringen lassen und damit zum Vorbild für andere Frauen werden. Die oben genannten literarischen Frauengestalten kristallisieren in spezifischer Weise die gewaltigen Auseinandersetzungen, die sich zwischen der von religiösen, moralischen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen geprägten Lebensweise und dem Aufbruch in ein entwickeltes Ich-Bewusstsein abgespielt haben müssen.

Erst nach dem 2. Weltkrieg, in den 40iger Jahren des letzten Jahrhunderts, tritt in Sartres Geschlossener Gesellschaft und in Das Spiel ist aus die Liebesthematik wieder stärker auf den Plan. Allerdings mit negativem Vorzeichen. In Geschlossene Gesellschaft hatten zwar alle drei Protagonisten ein Liebesverhältnis, das sie jedoch egoistisch zum Nachteil des Partners ausnutzten. Die Konsequenz: Alle drei landen in der Hölle, die darin besteht, dass sie immerwährend die Präsenz der jeweils Anderen ertragen müssen. Im Zentrum von Das Spiel ist aus stehen zwei füreinander bestimmte Liebende, die jedoch zu Lebzeiten nicht zusammengekommen waren. Der „Himmel“ verordnet nun, dass sie eine neue Chance bekommen; jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie einander bedingungslos vertrauen. Da sie aus unterschiedlichen Schichten wie auch aus unterschiedlichen politischen Lagern stammen, gelingt es ihnen letztlich nicht, den Liebesbeweis des uneingeschränkten gegenseitigen Vertrauens für ihr Weiterleben zu erbringen: Sie verbleiben im „Reich der Toten“, in dem sie nicht – im Umkehrschluss zu den frühen Liebesdramen – im Tod ihre Liebe realisieren können. Der Traum, dass die reine Liebe im Jenseits möglich sei, ist damit endgültig „ausgeträumt“.

Bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts spielt die Liebesthematik in der Literatur eine eher untergeordnete Rolle; sie ist höchstens präsent in den sog. „Groschenromanen“ und Heimatfilmen, die nach den entbehrungsreichen Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren die Sehnsucht nach Romantik stillen. Der in den zwanziger Jahren begonnene Aufbruch in eine offenere Gesellschaft, in der jeder – insbesondere in den Großstädten – seine Lebensform frei entfalten kann, tritt in dieser Zeit eher auf der Stelle, wird z.T. sogar rückgängig gemacht.

„In den 1950er Jahren ging es darum, die durch die beiden Kriege und die Frauenbefreiungsbewegung irritierten Machtverhältnisse über die männlich-romantische Reformulierung des Geschlechtsverhältnisses wieder herzustellen. […] In den 1950er Jahren phantasieren Männer, die im ‚brennend heißen Wüstensand so allein‘ sind – ‚Kein Gruß, kein Herz, kein Kuss, kein Scherz, alles liegt so weit, so weit‘ – Frauen als von unstillbarer Sehnsucht nach ihnen gepeinigte: die nächste Drehung der romantischen Spirale immer weiter hinein in jenen erträumten ‚Himmel der Liebe‘, der Männer wie Frauen von ihrer irdischen Erotik nachhaltig fernhält. Die angesichts der von den Frauen eingeforderten Naherotik überforderten Männer sehnen sich nach der Sehnsucht der Frauen nach ihnen, den fernen.“ Rathmayr, Bernhard: Geschichte der Liebe. S. 172-173.

Erst 1977 wird beispielsweise in der Bundesrepublik der Frau juristisch die finanzielle Unabhängigkeit zugestanden, der Paragraph 175 (Homosexualität) wird sogar erst 1994 abgeschafft.

Ab den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beginnt die Liebesthematik in der deutschen Literatur wieder mehr Raum einzunehmen. Die zunehmende ökonomische, soziale und sexuelle Unabhängigkeit der Frau sowie die Infragestellung traditioneller Lebensweisen, führen dazu, dass die bisherigen Moralvorstellungen für das Zusammenleben aufgebrochen werden. Verlobung sowie Ehe sind ausgehend von der 68iger Bewegung verpönt, wechselnde (sexuelle) Beziehungen sind enttabuisiert. Diese für die Entwicklung des autonomen Subjekts sicher positiven Hintergründe führen aber nicht unbedingt zu einem besser „funktionierenden“ Liebesleben. Die weiter zunehmende Verstädterung, die erhöhte Mobilität und schließlich die Folgen der Globalisierung bewirken eine zunehmende Individualisierung – eine Medaille mit zwei Seiten: einerseits wird damit die Autonomie des Individuums erweitert, andererseits entwickeln sich Vereinsamung, Anonymität sowie Egozentrismus. Das bedeutet auch, dass der Einzelne sehr viel stärker auf sich selbst gestellt ist und damit zugleich mehr in sich ruhen muss, um Ängste und möglicherweise tiefgreifende Lebenskrisen zu beherrschen.

D.h. der intimen Liebesbeziehung werden Probleme „aufgebürdet“, für die sie ursprünglich – unter der Maßgabe des Ideals der romantischen Liebe – gar nicht ausgelegt war. „Eine derart autonomisierte Ehe bietet keinen ausreichenden Schutz gegen die Hauptgefahr intimer Beziehungen: ihre Instabilität.“ (Luhmann)

Dass eine Liebe unglücklich endet, gehört dementsprechend nach wie vor zu den Erfahrungen der heutigen Menschen. Welche „Rolle“ die literarische Verarbeitung der unglücklichen Liebe nun heutzutage einnimmt – eine gewisse Vorreiterrolle wie im Falle der Princesse de Clèves oder eine Art Modell wie im Falle von Goethes Die Leiden des jungen Werther –, ist eine Frage, die in diesem Rahmen nicht zu klären ist.

II.2 Zur zweiten These


Wieso schwingen jene eher kitschigen Bilder dennoch in unseren Köpfen, wenn es um Liebe geht?

Denis de Rougement schreibt dazu:

„Tatsächlich glaubt ja der moderne Mensch seit Rousseau, es gäbe eine Art normaler Natur, der die Kultur und die Religion ihre falschen Probleme aufgepfropft hätten … Diese rührende Illusion kann ihnen helfen zu leben, aber nicht helfen, ihr Leben zu verstehen. Denn alle, wie wir da sind, führen, ohne es zu wissen, unser Leben von Zivilisierten in einer eigentlich unsinnigen Konfusion von niemals ganz toten Religionen, die selten ganz verstanden oder ausgeübt worden sind, in einer Konfusion von Moralauffassungen, die ursprünglich einander ausschlossen, sich später aber übereinandergelegt haben oder sich im Hintergrund unseres elementaren moralischen Verhaltens miteinander verbunden haben, […] die zu ganz unbewußten geistigen Spuren oder Narben geworden sind und auf Grund dieser Tatsache leicht mit dem Instinkt verwechselt werden können.“

De Rougemont hat damit in seiner Analyse zu den religiösen Ursprüngen des Mythos herausgearbeitet, dass wir - bei aller Aufgeklärtheit und vermeintlichem Wissen über uns - nach wie vor in unserem Denken und Handeln von diesen unbewussten Spuren und Narben beeinflusst werden.

„Um im täglichen Leben unter die sehnsüchtige Gewalt eines solchen Mythos zu geraten, braucht man weder Tristan von Béroul noch den von Bédier gelesen, noch die Oper von Wagner gehört zu haben. Er verrät sich in der Mehrzahl unserer Romane und Filme, in ihrem Erfolg bei den Massen, in dem Wohlgefallen, das sie in den Herzen der Bürger, der Dichter, der unglücklich Verheirateten, der kleinen Verkäuferinnen hervorrufen, die von wunderbaren Liebesabenteuern träumen. […] Er lebt vom Leben der Romantik in uns, er ist das große Mysterium jener Religion, zu deren Priestern und Inspirierten sich die Dichter des vergangenen Jahrhunderts machten.“ (S.25/26).

Diesem Mysterium nahezukommen, versucht auch Niklas Luhmann, der in seinem Buch „Liebe als Passion“ die Liebe „nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl [ ], sondern als symbolische[n] Code [behandelt], […]Ohne ihn würden die meisten, meinte La Rochefoucauld, gar nicht zu solchen Gefühlen finden.“ (S. 9) D.h. der Liebescode, der über die „großen“ Liebeserzählungen wie Tristan und Isolde und Romeo und Julia bis in unsere heutige Zeit transportiert worden ist, prägt sofort unsere Empfindungen, sobald das Thema „Liebe“ anklingt. Dabei ist es völlig unwichtig, ob diese Werke gelesen wurden oder nicht. Wenn es – nach Luhmann – überhaupt um konkrete Liebesgefühle geht, dann nur unter der Perspektive, dass es sich um die Differenz „von höchstpersönlichen, intimen und unpersönlichen, extern motivierten Sozialbeziehungen“ handelt. (S. 49) Das Problem, das sich nun in der heutigen Zeit stellt, „wäre dann ganz einfach: einen Partner für eine Intimbeziehung finden und binden zu können. Skepsis gegenüber Hochstimmungen jeder Art verbindet sich mit anspruchsvollen, hochindividualisierten Erwartungshaltungen.“ (S. 197) Als Hintergrund für diese Sachlage macht er den soziostrukturellen Wandel verantwortlich, der für ihn darin besteht, „daß die moderne Gesellschaft die Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen radikalisiert“. (S.205) Dementsprechend werden den persönlichen Beziehungen – und dabei erst recht den Intimbeziehungen – so hohe Erwartungen auferlegt, dass sie darunter zerbrechen können.

Entgegen einer gewissen Ratlosigkeit angesichts der zunehmenden Gleichheit der Geschlechter, die den letztenTeil von Luhmanns Analyse durchzieht und die u.a. in der eher bedenklichen Aussage „Wenn eine Frau liebt, sagt man, liebt sie immer. Ein Mann hat zwischendurch zu tun“. (S. 204) gipfelt, berücksichtigt Eva Illouz in ihren Arbeiten die verändernde und veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft in sehr viel stärkerem Maße. Sie bezieht in ihren Analysen ganz konkret mit ein, dass auch die Frau zwischendurch zu tun hat. In ihrem bekanntesten Werk „Der Konsum der Romantik“ beschreibt sie im Kontext der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft und auf der Grundlage der Befragung von 50 Männern und Frauen, wie die Teilhabe der Frauen in der Anbahnung einer Liebes- und möglicherweise einer Ehebeziehung im Laufe der Zeit an Gewicht gewonnen hat. Auch sie beruft sich in ihren Ausführungen auf das Ideal der romantischen Liebe: Sie „beinhaltet per Definition die Vorstellung, dass die Wahl eines Partners auf freiwilliger Basis erfolgt und nicht erzwungen wird und dass die Gefühle der jeweiligen Partner gleichermaßen vorhanden sein und erwidert werden müssen. Diese Vision eines autonomen Liebessubjekts wurde durch die Werte der Befreiung und des Selbstausdrucks unterstrichen, wie sie in der Kultur des Konsums ganz allgemein und in der Werbung im Besonderen zum Ausdruck kamen.“ (Illouz, S. 70) Entscheidend ist dabei zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgende Entwicklung: War es in den angesehenen bürgerlichen Familien üblich, dass der junge Mann bei seinem Werben um eine junge Frau den Eltern seine Aufwartung machte, verschwand diese Tradition in den ärmeren Bevölkerungsschichten (Industriearbeiter), weil sich die jungen Männer nicht die entsprechenden Anzüge und anderes leisten konnten, um den entsprechend guten Eindruck zu hinterlassen. Folglich fand das Zusammentreffen zwischen Mann und Frau nicht mehr in der Familie statt, sondern außerhalb – in einem Kaffee, einem Restaurant oder vielleicht schon in einem Kino. „Indem die Verabredung aus den engen häuslichen Grenzen in die öffentliche und anonyme Sphäre der Vergnügungen verschoben wurde, erweiterte das Rendezvous den Pool verfügbarer männlicher Partner und verschaffte den Frauen ein größeres Gefühl von Autonomie und Eigenständigkeit.“ (Illouz, S.70) D.h. die Vorreiterschaft haben in diesem Prozess die unteren Bevölkerungsschichten übernommen, im weiteren Verlauf wurde dieses Verfahren dann auch von den sog. gutbürgerlichen Schichten übernommen. Hier nun kann die Freizeit- und Konsumgüterindustrie eingreifen und ihre „Verführungskünste“ entfalten, um die aufkeimenden romantischen Gefühlen wie mit einem Schneebesen aufzuschlagen.

Den Vorwurf, der Kommerzialisierung der Liebe und damit der Verringerung der Qualität und Intimität der romantischen Beziehungen nicht genügend Kritik entgegengesetzt zu haben, weist Illouz zurück, indem sie feststellt, „dass der Kapitalismus weder eine bedeutungsvollere (viktorianische) Liebe entwertet noch eine subversivere Liebe ‚domestiziert‘ hat. Die konsumorientierte Liebe beruft sich auf Werte und Prinzipien, die in der gesamten abendländischen Geschichte ein emanzipatorisches Potential darstellten: Individualismus, Selbstverwirklichung, Bestärkung der persönlichen Qualitäten des Individuums und Gleichheit zwischen den Geschlechtern in der wechselseitigen Erfahrung von Vergnügen.“ (S. 150)

Damit wird auf paradoxe Weise deutlich, dass die emanzipatorischen Kräfte, die einerseits die Entfaltung des autonomen Individuums vorangetrieben haben, zugleich die Basis für eine immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung waren, die alle – auch die intimsten – Lebensbereiche durchdringt. Im 21. Jahrhundert angelangt, droht dieser Prozess die Entwicklung der Autonomie in sein Gegenteil zu verkehren – nämlich die völlige Abhängigkeit des Individuums vom Konsum. In diesen Zusammenhang spielt natürlich auch die veränderte Rolle der Sexualität, der feministischen sowie homosexuellen Befreiung hinein. Auch auf diesem Gebiet hat die Konsumsphäre „Angriffspunkte“ entdeckt. „Diese Perspektive des ‚Kaufe-und-Wähle‘ resultiert nicht nur aus einem viel größeren Pool verfügbarer Partner, sondern auch daraus, dass die romantischen Praktiken von einer konsumorientierten Mentalität durchdrungen sind: von der Überzeugung, dass man sich erst nach einem langen Prozess des Informationssammelns festlegen sollte. Das konsumorientierte Motiv der ‚Wahlfreiheit‘ unter transitorischen, aber erneuerbaren Vergnügungen hat die prämoderne romantische Erzählstruktur radikal verändert.“ (S. 176/177) Aktuelles Beispiel: TV-Serien wie „The Bachelor“, die eine durchorganisierte Entscheidungsfindung eines Mannes oder einer Frau hinsichtlich ihres Traumpartners inszenieren und damit Vorbildcharakter erhalten. Die ein Leben lang anhaltende Liebes- bzw. Ehebeziehung mag vielleicht noch als Ideal existieren, aber die Realität sieht anders aus. „Die postmoderne Kultur hat den Zusammenbruch der übergreifenden, lebenslangen romantischen Narrative erlebt und sie in die kürzere und wiederholbare Form der Affäre komprimiert.“ (S. 175/176) Ohne den „alten Zeiten“, in denen alles besser war, nachzutrauern, bringt Illouz die aktuelle Problematik von Liebesbeziehungen auf den Punkt und stellt in Aussicht, dass, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, das „heutige romantische Ich sich durch seinen fortwährenden, sisyphusgleichen Versuch aus[zeichnet], die lokal begrenzte und flüchtige Intensität der Liebesaffäre innerhalb langfristiger, globaler Liebeserzählungen (wie etwa der Ehe) heraufzubeschwören, ein übergreifendes Narrativ dauerhafter Liebe mit der fragmentarischen Intensität der Affären zu versöhnen.“ (S. 178)

In ihrem 2013 erschienenen Text „Die neue Liebesordnung“, in dem sie den millionenfachen Erfolg sowohl des Romans als auch des Films „Shades of Grey“ zu erklären sucht, fasst sie die Problematik heutiger Liebesbeziehungen noch präziser:

„Sich zu verlieben heißt, Souveränität einzubüßen. In der Epoche der Romantik wurde dies als die erhabene und unmittelbare Erfahrung einer Leidenschaft von ursprünglicher, roher Naturgewalt empfunden. In der Moderne stellt ein solcher Souveränitätsverlust jedoch ein Problem dar: Die Integrität des Selbst wird bedroht, weil dieses Selbst seine Autonomie in Frage stellt, indem es sich scheinbar dem Willen einer anderen Person beugt. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil Autonomie zu einem zentralen Merkmal des modernen Menschen geworden ist, zu einer Anforderung, die nicht nur in den Sphären des Rechts und der Ökonomie eine große Rolle spielt, sondern auch im Bereich des psychischen Wohlbefindens. […] Männer, vor allem aber Frauen sind aufgefordert, Leidenschaften mit Argwohn zu begegnen und den Mechanismus der Selbstaufgabe und Selbstaufopferung genauestens im Auge zu behalten. Insofern können wir sagen, daß Autonomie und Leidenschaft sich zu Idealen entwickelt haben, die sich schwer miteinander vereinbaren lassen. Vor diesem spezifisch modernen Hintergrund können wir Shades of Grey dann als einen Roman lesen, der um die Frage kreist, was es bedeutet, die eigene Souveränität aufzugeben, während man gleichzeitig nach Autonomie strebt.“ (S. 47)

Man könnte vielleicht sagen, dass, solange sich Autonomie und Leidenschaft einigermaßen in der Waage halten – und das bei beiden Partnern –, die Liebesbeziehung vielleicht noch gelingen mag. Sobald jedoch diese Ausgeglichenheit – in welcher Form auch immer – nicht mehr gegeben ist, kann die Beziehung kippen, natürlich zu Lasten eines Partners. Wenn dem/der Verlassenen dann noch nachgesagt wird, dass man mit ihm/ihr nicht mehr auf Augenhöhe kommunizieren konnte, tritt derjenige, „der solchermaßen über den Partner urteilt, […] gewissermaßen als Personalchef seiner eigenen Ehe auf, die sich darüber unversehens in eine Betriebsstätte verwandelt, welche allgemein gesellschaftlichen Vorstellungen von Effizienz und Wachstum zu gehorchen hat“. (Jens Jessen [Journalist und Publizist] in Die Zeit „Wir haben uns verwählt“ /08.06.2017) (Dieser Artikel erschien anlässlich der Äußerungen des ehemaligen Ministerpräsidenten Schleswigs-Holstein, Thorsten Albig) Diese ganz aktuell geäußerte Entschuldigung legt offen, dass nicht nur die Anbahnung sowie die Aufrechterhaltung von Liebesbeziehungen von konsumorientierten Interessen durchdrungen sind, sondern auch die Art und Weise der Trennung. Jessen stellt dazu folgende Überlegung an: „Blenden wir für einen Moment aus, dass der Mann vielleicht selbst über diese Frische nicht verfügt oder dass er bloß eine Ausrede für ein erotisches Begehren formuliert – allein dass der Anspruch auf geistige Gleichrangigkeit von Mann und Frau öffentlich vorgetragen wird, ist ein Politikum. Es ist ein Zeichen von Emanzipation, auch wenn sie einstweilen noch (oder wieder?) zulasten der Frau geht.“ (ebd.) Dennoch ist diese Art von Emanzipation mit einer Vorstellung vom Individuum erkauft, in der Mitleidlosigkeit und Egozentrik als normativer Kern der Gesellschaft und damit auch des Einzelnen betrachtet wird.

In der zeitgenössischen literarischen wie filmischen Fiktion sowie in der Poesie wird genau diese Brüchigkeit zwischen vermeintlichem Wissen und rationalem Handeln einerseits und den unterschwelligen uns beherrschende Mythen andererseits zum Ausdruck gebracht. Literarische Beispiele wären der Roman „Agnes“ von Peter Stamm, der Film „Meine schöne innere Sonne“ (letzte Berlinale mit Juliette Binoche) sowie das folgende Chanson

Dis tu m'aimes sans effort
Dans le fond un peu comme avant
Dis tu m'aimes que t'aies tort
Ou raison tant que l'on avance

Le charme des premiers jours (ne) suffira pas
Qu'importe qu'on se soit aimés
Le charme des premiers jours (ne) suffira pas
Qu'importe qu'on ce soit aimé
Si aujourd'hui la magie n'est plus

Hein
Est ce que tu m'aimes quand la passion est passée
Ou quand les rires se font absents effacés
Par les non-dit et l'impatience
Dis tu m'aimes quand le silence a tout remplacé
Les bons moments comme les fâcheux
Passons ou comme pour toi je n'en ferai jamais assez de toute façon

Le charme des premiers jours (ne) suffira pas
Qu'importe qu'on se soit aimé

Le charme des premiers jours (ne) suffira pas
Qu'importe qu'on se soit aimés
Si aujourd'hui la magie n'est plus
Si aujourd'hui la magie n'est plus

Hein
Et si tu m'aimes encore est-ce en cœur ?
Et si t'en rêves encore est-ce en cour ?
Le réveil est hardcore, le réel un coup
Et l'amour un conte un poil court
Qui est en tort si le passé a fugué ?
Et au futur on sait pas se conjuguer
On a peut-être pas eu l'temps peut-être pas eu l'courage qui peut en juger
Dis tu m'aimes, sans espoir sans retour
De ceux que tu attends
Dis tu m'aimes malgré moi malgré tout ce qu'on est plus maintenant

Le charme des premiers jours (ne) suffira pas
Qu'importe qu'on se soit aimés
Le charme des premiers jours (ne) suffira pas
Qu'importe qu'on se soit aimés
Si aujourd'hui la magie n'est plus

III. Das Konzept der dialektischen Liebesbeziehung


Das Individuum kann sich nur als Einzelnes, als „Selbst“, wahrnehmen, indem es sich auf ein Anderes, ein oder mehrere Individuen, bezieht. Dieses Andere zeigt ihm an, dass es als Einzelnes existiert. D.h. mit dem Bezug zum Anderen erfolgt zugleich der Rückbezug auf das „Selbst“. Je mehr „Andere“ diese „Aufgabe übernehmen“, desto facettenreicher stellt sich das „Selbst“ diesem Individuum dar. Das Andere bzw. die Anderen vollziehen als Individuum den gleichen Prozess wie das zuerst ge-nannte Individuum. Die vielen Facetten des „Selbst“ können auch als die vielgestaltigen Identitäten des Individuums angesehen werden.

Folgt man den Gedankengängen des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy, so ist in diesem Prozess der Bezug auf den jeweils Anderen das Entscheidende, nicht die jeweiligen Einzelnen. Zwar könnte es ohne die Einzelnen auch keinen Bezug geben, aber dadurch, dass die ständige Bewegung der Bezugnahme die Einzelnen auch in ihrem „Selbst“ ständig verändern, sie also nie als „fixe“ Einzelne (Entitäten) existieren, sondern immer „pulsieren“, kommt dem Bezug eine höhere Bedeutung zu. Diese Überlegungen hat Jean-Luc Nancy in verschiedenen seiner Schriften niedergelegt, so z.B. in „Die Anbetung – Die Dekonstruktion des Christen-tums II“.

In einer Liebesbeziehung findet der gleiche Prozess der wechselseitigen Bezugnahme – wie oben dargestellt – statt, aber mit folgendem entscheidenden Unterschied: das eine Individuum nimmt sich im Anderen auf besonders „gute“, „gelungene“ Weise als „Selbst“ wahr. Diese Wahrnehmung (im Anderen) scheint das, was in seiner Vorstellung als „Selbst“ bereits vorhanden ist, besonders gut wieder zu geben. Es fühlt sich im Anderen vollkommen aufgehoben. Das andere Individuum unterliegt in gleicher Weise diesem „außergewöhnlichen“ Prozess der Bezugnahme. Wodurch dieser „außergewöhnliche“ Prozess der Bezugnahme ausgelöst wird, ist wahrscheinlich vielfältigster Natur. Denkbar ist, dass es „Vergleichbares“ zwischen den beiden Individuen gibt oder besser: zwischen den beiden Individuen schwingt, das sie prädestiniert, in diesen besonderen Beziehungsprozess einzutreten. In diesem Schwingen von Vergleichbarem entsteht schließlich auch der Wunsch nach wie auch die Erfüllung von körperlicher Bezugnahme (Vereinigung), in der das Vergleichbare – aber auch das Unterschiedliche – quasi sensorisch erfahren wird.

Dieses „Vergleichbare“ – ohne, dass man sagen kann, was es ist – bietet beiden Individuen zunächst einmal grundsätzlich zwei mögliche Verhaltensweisen. In einem Fall erkennen beide – trotz Vergleichbarem – die Andersartigkeit des jeweils Anderen in allen seinen Lebensäußerungen an und stellen so die Bezugnahme oder die Anziehungskraft immer wieder aufs Neue her, so dass auch die Wahrnehmung des „Selbst“ auf einer immer höheren Stufe vollzogen werden kann. (So ähnlich hat es ja auch Schlegel formuliert.) Im anderen Fall schließen beide – von dem vermeintlich Vergleichbaren ausgehend – darauf, dass der jeweils Andere dem eigenen „Selbst“ tatsächlich gleich sei, dass nur so die „außergewöhnliche“ wechselseitige Bezugnahme überhaupt realisiert werden könne. Verhält sich der Andere jedoch nicht entsprechend dieser (falschen) Vorstellung, werden Erwartungen enttäuscht, d.h. das erste Individuum nimmt sein „Selbst“ im Anderen nicht in der erwarteten Weise wahr. Die Angst, dass das in beiden Vergleichbare entschwinden könnte, verleitet das eine Individuum dazu, dem anderen Individuum sein „Selbst“ aufzudrängen, d.h. den Kern des anderen Individuums, sein andersartiges „Selbst“, auszuhöhlen.

Erschwerend kommt hinzu, dass

* beide Verhaltensweisen sich weitgehend unbewusst vollziehen,
* das vermeintlich Vergleichbare sich vielleicht ansatzweise benennen lässt, jedoch nie in seiner Gänze erkennbar wird (da sich dieses Vergleichbare auch ständig verändert),
* beide Verhaltensweisen (die Andersartigkeit des Anderen anerkennen wie auch die Gleichheit des Anderen zum eigenen Selbst „erzwingen“) wahrscheinlich gleichzeitig auftreten und nie jeweils nur die eine Verhaltensweise in Reinform gegeben ist,
* das Verhältnis dieser beiden Verhaltensweisen zueinander bei jeweils dem einen Partner wie auch bei beiden Partnern zueinander schwankt.

Wird in diesem „Kampf“ der Andersartigkeit des Partners immer weniger Raum gelassen, um den Raum des vermeintlich Vergleichbaren zu erhöhen, gerät die Liebesbeziehung in eine Krise. Denn das eine Individuum kann sein „Selbst“ nur durch das Anderssein des anderen Individuums erfahren; sucht es jedoch nur das Vergleichbare im Anderen, verliert es sein „Selbst“. Ohne dieses „Selbst“ ist jedoch auch kein Bezug mehr zum Anderen möglich - und schon gar kein Liebesbezug.

Wird umgekehrt das Andersartige des Partners gegenüber dem Vergleichbaren immer gewichtiger, bleibt das „Selbst“ des Individuums zwar erhalten, aber das, was beide zu diesem besonderen Beziehungsverhältnis prädestiniert hat – die Vergleichbarkeit (die es ermöglicht hat, dass sich das „Selbst“ besonders gut durch den Anderen reflektiert fühlt) – verschwindet. Aus der Liebesbeziehung ist eine Beziehung wie jede andere auch geworden. Durchlaufen beide Partner diesen Prozess in ungefähr der gleichen Weise, kommt es zur Trennung.

Aber auch diese beiden Formen der „Auflösung“ der Liebesbeziehung werden sich kaum in Reinform vollziehen, sondern beide Verhaltensweisen werden wahrscheinlich immer in einem bestimmten „Mischungsverhältnis“ – auch zwischen den Partnern – auftreten.

Beide Entwicklungsmöglichkeiten – Aufbau und Erhalt der Liebesbeziehung wie auch die Auflösung – vollziehen sich in der Regel weitgehend unbewusst und damit unkontrolliert - selbst wenn man die Prozesse, wie oben geschehen, beschreiben und analysieren kann. Dementsprechend müssen wir leider oder zum Glück feststellen, dass der Liebe doch etwas Geheimnisvolles innewohnt.

IV. Fazit


1. – Das in der Romantik entwickelte „Konzept der Liebe“ ist für mich nach wie vor revolutionär, denn die Gleichheit von Mann und Frau ist noch immer nicht erreicht – wie wir an vielen Punkten feststellen müssen, vgl. alle die Abgründe, die sich durch die me-too-Debatte aufgetan haben;

- Dabei ist für mich auch revolutionär, dass über die gelungene Verbindung von Mann und Frau eine höhere Stufe der Erkenntnis, zugleich auch ein höhere Empathie gegenüber all dem, was uns umgibt, möglich ist.

2. Wir müssen anerkennen, dass Beziehungen und damit auch Liebesbeziehungen immer machtdurchsetzt sind. Wie oben dargestellt geht es um die Frage, wer zwingt wem seine Vorstellung vom anderen auf? Kann sich der Partner diesem Zwang entziehen oder unterliegt er – dauerhaft – diesem Zwang? Oder wissen beide Partner um diese Machtbeziehungen und nähern sich dem Verständnis an, dem Anderen nicht seine Vorstellung, wie er denn zu sein hätte, aufzuzwingen und stattdessen das Anderssein des Anderen zu akzeptieren. D.h. nur das Schwanken um diese Ausgeglichenheit oder vielleicht der „Kampf“ darum, erhält die Liebesbeziehung am Leben.


Simone Lück-Hildebrandt

Die große Liebe: romantisch, kitschig oder revolutionär?

Vortrag vom 23. August 2018, Literaturhaus Berlin, Fasanenstr.
von Simone Lück-Hildebrandt