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"Unsere Begegnungen könnte man auch ein unendliches Gespräch zwischen Philosophie, Literatur, Religion und Psychologie nennen – oder eine Bewegung zwischen Philosophieren, Dichten, Glauben, Wissen und Wahrnehmen."

In der Identitätsfalle

 
In der Identitätsfalle:
Das Konstrukt der Ostseeregion als Beispiel

Vortrag vom 15. Dezember 2011, Literaturhaus Berlin, Fasanenstr.
 
von Bernd Henningsen
 
Bernd Henningsen
 


In Berlin über die Ostsee zu sprechen, ja, Berliner für die Ostsee zu interessieren, ist ein ambivalentes Unterfangen. Einerseits gehörte die Stadt im Mittelalter zur Hanse; andererseits gilt die Ostsee, zumindest die Insel Usedom als die „Badewanne Berlins“. Man könnte also durchaus einige Ostsee-Identitätspartikel konstruieren. Drittens aber provoziert man immer Unverständnis, ja Widerstände, wenn man versucht, Berlin politisch und kulturell mit der Ostseeregion zusammenzubinden:

„Berlin liegt doch nicht an der Ostsee!“

Der Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit der „Ostsee-Identität“ ist eine seit nun fast zwei Jahrzehnten andauernde Diskussion über dieselbe – oder genauer: die immer wiederkehrende Behauptung es gäbe ein solche Identität; oder wenn Defizite festgestellt werden, dann müsse man eben für eine solche Identität sorgen.

Es ist von einem besonderen Ärgernis im Hinblick auf die Frage nach der Identität auszugehen: Weder Marketingexperten, noch Brandingstrategen, weder Politiker noch Diplomaten, weder Tourismusmanager noch Regionalexperten scheinen zur Kenntnis zu nehmen, dass schon seit Jahren ein regelrechter Begriffekrieg auf der offenen Bühne (und nicht nur hinter den Kulissen) der Wissenschaften stattfindet darüber, was „kollektive Identität“ eigentlich ist, was „nationale Identität“ sein kann, dass der Begriff zu den großen Missverständnisse der Geschichts- und Politikdeuter gehört; ja selbst über den Begriff der „persönlichen Identität“ herrscht Zwietracht.

Bereits 1983 stellte Philip Gleason unter der wunderbaren Überschrift „Identifying Identity“ fest:

„‘Identität‘ hat einen Grad von Allgemeinheit und Diffusion erreicht, den A.O. Lovejoy viele Jahre früher in Bezug auf das Wort ‚romantisch‘ beklagt hat: Es bedeutet mittlerweile so vieles, dass es selbst nichts mehr bedeutet. Es hat aufgehört, die Funktion eines verbalen Zeichens auszuüben.‘ Wenn die Dinge diesen Punkt erreicht haben, macht es keinen Sinn mehr, zu fragen, was Identität ‚wirklich bedeutet‘.“

Selbst wer sich nicht um die heiligen Kriege der Katheder schert, sollte doch bei Einschaltung des gesunden Menschenverstandes, so könnte man argumentieren, misstrauisch werden bei einem Begriff wie „Ostsee-Identität“, der suggeriert, dass wir es mit einer homogenen Region zu tun haben:

Wie kann eine Region etwas Gemeinsames, eine „Identität“ haben, wie kann eine Region als homogen aufgefasst werden, wenn in ihr (mindestens!) neun Sprachen gesprochen werden, mehr als neun Ethnien leben, acht verschiedene Währungen im Gebrauch sind, drei unterschiedliche Formen des Christentums praktiziert werden, das Judentum einmal eine lebendig Kraft war, nicht zuletzt relativ unterschiedliche politische Kulturen gepflegt werden! Wie muss man sich die „Identität“ einer Region vorstellen, in der – je nach Definition – 50,5 bzw. 290 Millionen Menschen leben? Sind doch schon die mentalen Unterschiede zwischen West- und Ost-Dänemark, zwischen Süd- und Nord-Schweden, zwischen schwedischen Finnen und finnischen Finnen so erheblich, dass die jeweiligen regionalen Bewohner gelegentlich auf Distanz gehalten werden müssen und der Begriff „Nordische Zusammenarbeit“ als ein Euphemismus erscheint – geschweige denn die Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen … Welche Identität kann eine Region haben, wenn es keine gemeinsame Öffentlichkeit gibt, keine politisch-programmatische Zusammenarbeit der Parteien (die jährlichen Zusammenkünfte der Ostsee-Parlamentarier hat noch nicht zu einer programmatischen Kooperation der politischen Parteien geführt)? Auch in der Außen- und Sicherheitspolitik sind die Staaten unterschiedlich orientiert, die Bündniszugehörigkeiten sind von unterschiedlichem Status. Um ein alltägliches Beispiel anzuführen: Was ist von der „Identität“ einer Region zu halten, wenn in deren Norden und Osten die Sauna zu einer sozialen und kulturellen Selbstverständlichkeit gehört, in deren Süden und Westen aber nicht (dort nur in der postmodernen Form der Wellness-Kulturen)?

Selbst im Hinblick auf ein ganz banales – doch gerne übersehenes – Indiz für die Existenz von Gemeinschaft, also einer gemeinsamen Identität, nämlich die Gemeinschaft im Feiern, ist für die Ostseeregion nicht viel zu sagen: Wo andere Nationen gemeinsam Karneval feiern, wo in anderen Regionen gemeinsame Jahreszeitenfeste gefeiert oder Truthähne geschlachtet werden oder wo gemeinsam gehungert wird, da sind für die Ostseeregion im Grunde nur die gemeinsam gültigen Eintragungen im Kirchenkalender aufzuzählen: Weihnachten, Ostern, Pfingsten … Als Manifestation einer Selbstvergewisserung, zur Beschwörung einer gemeinsamen Geschichte, gemeinsamer Traditionen ist dies zweifellos zu wenig. Es wird gleichwohl herangezogen.

Es wird auch ganz unterschiedlich gefeiert, obgleich die Anlässe jeweils dieselben sind: Mittsommer in Schweden unterscheidet sich ganz signifikant von Mittsommer in Dänemark oder Estland. Die Essensrituale an Weihnachten sind in Polen ganz andere als in Finnland oder Schweden – von Russland mit einem anderen Kalender ganz zu schweigen. So wie das Sängerfest eine estnische identitätsstiftende Spezialität geblieben ist – von der allerdings die ganze Welt spricht – so ist auch die besondere Form, in der in Finnland die Melancholie gepflegt wird, eine regional nur auf Finnland begrenzte Liebhaberei geblieben: Der Finnische Tango – obgleich mittlerweile auch über diese Form der Selbstinszenierung die ganze Welt spricht.

Im späteren Kapitel werden Beispiele aus Geschichte und Gesellschaft vorgestellt, an denen Übereinstimmungen der Region abgelesen werden können. Der Konflikt gehört dazu, die Erfahrung von Krieg und Tod. Es gibt aber auch Ereignisse am anderen Ende der Skala, es gibt zahlreiche Biografien, an denen man Gemeinsamkeiten belegen kann, sie kommen in der Forschung leider noch nicht hinreichend vor: Die vielen Handwerker, die über die Jahrhunderte über die Grenzen und über das Meer zogen, die vielen Wirtschaftspartnerschaften, die sich etablierten, die Städtepartnerschaften, die Studenten und Wissenschaftler, Pastoren. Schließlich nicht zu reden von den Heiraten: Die bürgerlichen Oberschichten holten sich ihre Ehepartner aus angrenzenden oder befreundeten Städten, aus Schweden, Norddeutschland, aus Riga, Danzig, Lübeck – ein wohl bekanntes Beispiel gibt die Familien Olof Palmes ab, dessen Vorfahren ursprünglich aus Holland kamen, sich in Südschweden niederließen und für die selbstverständlich der ganze hansische Raum sich als Heiratsmarkt anbot. Verwandtschaften dieser Art wären eine ideale Grundlage für eine regionale Identität – wir wissen darüber aber noch zu wenig.

Aus der aktuellen politischen Situation der Ostseeregion heraus läge es nahe, eine Schlussfolgerung für eine gemeinsame Identität zu ziehen, die bei anderen strukturellen Übereinstimmungen gerne gezogen wird, bei diesem Beispiel aber sicher als abwegig abgelehnt würde: Darf man aus der unübersehbaren Präsenz rechtsradikaler und rechtspopulistischer Bewegungen und ihrer politischen Erfolge rund um die Ostsee – mit der Ausnahme Deutschland – die Schlussfolgerung ziehen, dass Rechtspopulismus zur „Identität“ der Region gehört? Wohl kaum! Für andere kulturelle und/oder politische Felder wird aber eben genau eine solche Analogie angewandt.

In welche Falle hat uns der Identitätsbegriff gelenkt? Müssen wir die wissenschaftliche Auseinandersetzung ernst nehmen und in Betracht ziehen? Könnte es sein, dass bei der Diskussion um eine gemeinsame Identität diese mit Stereotypen-Konstruktionen verwechselt wird? Mit Selbst- und Fremdstereotypen, Auto- und Heterostereotypen? Könnte es sein, dass im öffentlichen Diskurs Identität immer essentialistisch verstanden wird und nach handgreiflichen Übereinstimmungen gesucht wird, nach Homogenisierungstatbeständen?


Das philosophische und psychologische Konzept und die Anthropomorphisierung

Der Identitätsbegriff wird schon recht lange inflationär gebraucht: Man kann eine Identität haben, man kann ihren Verlust beklagen (Identitätsverlust), sie kann sich in einer Krise befinden (Identitätskrise), ein Unternehmen kann eine Identität haben (corporate identity), eine Nation hat eine Identität, ein Produkt ebenso, ja sie ist handgreiflich und materiell geworden in der identity card oder im PIN-Code, es gibt Identitätsbausätze, -prothesen, -standards, -projekte, ja über Identitätsarbeit und Identitätspolitik wird seit langem geredet, damit zum Ausdruck gebracht, dass die Konstruktion von Identität eine politische, eine gesteuerte Angelegenheit ist – vom Zwillingsbegriff gilt das in gleicher Weise, der „Alterität“. So gut wie jede Eigenschaft kann zusammen mit Identität gedacht und artikuliert werden, ganz trefflich ist in dem Zusammenhang der Begriff Identitäten-Patchwork. An Universitäten und Forschungsinstituten ist Identitätsforschung zu einer Dauerbeschäftigung geworden – es gibt eigentlich nichts, womit Identität heute nicht in Zusammenhang gebracht wird.

Noch unübersichtlicher wird die Befassung mit Identität, wenn man angrenzende Begriffe und verwandte Probleme einbezieht: Mentalität, Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, soziales Erinnern. Damit ist „Identität“ zu einem Omnibus-Begriff herabgesunken, zu einem Allerweltswort, das nur noch wenig mit seiner ursprünglichen Bedeutung zu tun hat. Diese besagte in der antiken Philosophie, dass eine Person (oder eine Sache) mit sich selbst identisch war, also einen bestimmten, unverwechselbaren Charakter hatte. In der Sprache der Mathematik und der der klassischen Logik, wie kann es anders sein, gilt dies noch heute: X = X. Das heißt, Merkmale und/oder Inhalte einer Sache, einer Person müssen mit sich selbst identisch sein, wenn eine Identität gegeben sein soll. Im Verhältnis von Sachen, Personen, Begriffen usw. muss eine vollständige Kongruenz und Übereinstimmung vorherrschen, wenn der Satz von der Identität Geltung haben soll, eine gänzliche Übereinstimmung in allen Details macht Identität aus; der Begriff der Wesensgleichheit gehört hierher. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) hat dieses, keineswegs unumstrittene Identitätsprinzip aufgestellt, es heißt seither das „Leibniz-Gesetz“: „Zwei Dinge sind identisch, wenn sie in allen ihren Eigenschaften ununterscheidbar sind“. Das ist eine ziemlich einfache Erkenntnis, die sich selbst dem gesunden Menschenverstand erschließt, aber letztlich nichts mehr aussagt.

An dieses philosophische Konzept schließt sich die Kritik an, dass eine solche Ableitung tautologisch ist. Ein Ding, das mit sich selber identisch ist, ist dasselbe Ding, jedenfalls solange die Gesetze der logischen Vernunft gelten. Die Argumentation bewegt sich in einem Zirkel: War „Identität“ bereits im Mittelalter ein „Kunstprodukt der philosophischen Begriffssprache“, so wird es in der Formelsprache der logischen Philosophie zu einer sprachmystischen Größe – Ludwig Wittgenstein zog sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges in die dem Nachdenken besonders förderliche norwegische Bergwelt zurück und schrieb seine Erkenntnis zum Thema an Bertrand Russel: „Identity is the very Devil!“

In der philosophischen und psychologischen Literatur ist der Identitätsbegriff mit dem Individuum verbunden und nur mit diesem. Gemeint ist mit Identität die unverwechselbare, die persönliche psychische und habituelle Erscheinung eines Menschen, die ihn unterscheidbar von anderen macht. Mit Identität ist also eine einzigartige individuelle Persönlichkeitsstruktur gemeint. Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson (1902-94) unterschied in Fortführung der Gedanken Sigmund Freuds die psychosoziale Reifung des Menschen von der Geburt an in acht Phasen, die jeweils in Übergangskrisen überwunden werden, ihre katartischen Wirkungen leiten über zur nächsten Reifestufe, bis schließlich das Individuum eine Ich-Identität entwickelt, die ihn von anderen unterscheidet: Die reifende Person hat ein Selbst entwickelt, das im Falle einer gesunden Entwicklung nur dieser Person gehört. Spätestens seit Erikson ist Identitätsfindung ein Prozess.

Die zentralen Fragen, die sich mit dem Identitätsproblem stellen – und die auch für die folgenden Überlegungen zur regionalen Identität von Wichtigkeit sind – lauten: Hat unsere Identität etwas mit unserer Biologie zu tun? Mit unserem Bewusstsein? Mit dem Sozialen? Mit der Erinnerung (also mit Personen und Ereignissen um uns herum)? Mit dem Gegenüber, mit dem ich mich gegebenenfalls identifiziere? Aus den verschiedenen Ansätzen heraus, mit denen diese Fragen beantwortet werden, folgt die Gebrauchsinflation des Identitätsbegriffes. Dabei stellt die entscheidende Weggabelung für die Behandlung des Problems die Alternative dar, ob die individuelle Identität als Selbstinterpretation verstanden wird oder als eine (übernommene) Zuschreibung von Eigenarten, die am Individuum beobachtet werden können.

Mit anderen Worten, und dies lehren uns die Diskurstheorie und die Semiotik:

“People don’t have an identity, but … identities are constructed in practices that produce, enact, or perform identity – identity is identification, an outcome of socially conditioned semiotic work.”

Wenn aber schon Personen keine Identität haben können, sondern sie gemacht ist, ist es dann überhaupt noch gerechtfertigt, von „Identität“ zu sprechen – unterliegt doch diesem Begriff eine lange Definitionsgeschichte, die den Begriff festgelegt hat. Viel wesentlicher aber noch ist beim Nachdenken über „Identität“: Wieso findet dieser Begriff seine Anwendung auf Nationen und Regionen?

Die einleuchtende Erklärung dafür, wie der Identitätsbegriff zur Nation und wie er zur Region kam, folgt aus der angewandten Analogie: Nationen und Regionen entwickeln eine Identität in Analogie zum Individuum; Nation und Region werden gleichsam anthropomorphisiert, menschliche Eigenschaften werden auf die Nation übertragen, Werte und Eigenschaften werden aus ihrem Kontext zur Person herausgelöst und auf einem anderen Kontext – dem der Region – abgebildet: unvergleichbare Merkmale, die Physis, das (kollektive) Gedächtnis, ein (vorhersehbares) Verhalten. Der eingangs zitierte Zeitungskommentar gibt dafür ein Beispiel. Wir kennen dieses aber bereits aus früheren Jahrhunderten: Die populäre Wandlung der Umrisse Europas beispielsweise in menschliche Gestalt(en); wo Mittelpunkt, Bauch, Kopf oder Herz des Kontinentes angesiedelt sind, das ist dann schon Teil der intendierten Propaganda – bzw. der Stereotypenkonstruktion. Was bei einer solchen Analogie unklar bleibt, ist die Frage nach den Akteuren, nach den Interessen: Warum werden welche Identitäten gewählt und/oder konstruiert? Im allgemeinen – und politischen(!) – Sprachgebrauch werden nationale und regionale Identitäten statisch gesehen, als gegeben, nicht als Prozess, als gäbe es eine Identitäts-DNA.

Die hinter diesem Konzept stehende Konstruktion ist eine des deutschen romantischen und idealistischen Zeitalters in der Nachfolge Johann Gottfried Herders (1744-1803). Identität wird als metaphysischer Begriff verstanden, sie äußert sich im „Volksgeist“ und wird materiell aufgefüllt durch Geschichte, Literatur, Kunst, vor allem durch Sprache. Und Identität braucht historische Tiefe und kollektive Erinnerung. Zu dieser Ahnengalerie – auch wenn sie z. T. gegensätzliche Positionen beziehen – gehören Johann Gottlieb Fichte, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Joseph Wilhelm Schelling und andere. Die Suche nach der Identität eines Volkes ist vor diesem romantischen Hintergrund – am Vorabend des Nationbuilding des 19. Jahrhunderts – vor allem eine Suche nach dem Vergangenen und Verlorenen: Nach Geschichte, Kultur, Religion, Sprache, ja nach Landschaft. In ihrer nationalistischen und böswilligen Ausformung ist diese Identitätssuche immer eine populistische, eine vereinfachende, Vergangenheit wird idyllisiert und auch zurechtgelogen.

Der Deutschbalte Werner Bergengruen, ein erfolgreicher Schriftsteller der dreißiger bis fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, hat mit seinen zehn „kuriosen Geschichten aus einer alten Stadt“, die die gemeinsame Überschrift „Der Tod von Reval“ tragen, eine faszinierende Umschreibung dessen geliefert, was im Begriff einer Ostsee-Identität eingefangen ist. In der einleitenden Geschichte („Die Stadt der Toten“), die den Rahmen setzt für die folgenden und mit der letzten („Abschied“) abgerundet wird, formuliert er programmatisch, was heutige Branding-Experten und -Berater mit „place branding by story telling“ meinen:

„Ich möchte dir ein paar Geschichten erzählen: Geschichten aus einer alten Stadt hoch droben im Norden, hoch droben im Osten, einer Stadt am Meer. Aber es sind nicht Geschichten von dieser Stadt: es sind Geschichten von ihren Toten … Eine alte Stadt mag Menschen haben, soviel sie will; was ist die Menge derer, die sie bewohnen, vor der Menge derer, die sie bewohnt haben? … Die Lebenden sind ein Augenblick gleich der Gegenwart: die Toten aber sind die Unendlichkeit der Zeit und sind die Beständigen. Heute ist ihnen wie gestern und morgen, den Unterschied kennen sie nicht, und sie sind in großer Gelassenheit.“

Bergengruen gräbt metaphorisch nach den Toten, um mit ihnen das lebende kollektive Gedächtnis wachzuhalten. Das Erzählen von Geschichten setzt nicht unmittelbar die Kenntnis der Details voraus, weckt aber Erinnerungen an Gehörtes und Erfahrenes, was, wenn es denn von allgemeiner Relevanz ist, zu einer sogenannten Identität gerinnt.

Am Beispiel des Gründungsmythos der Stadt Reval/Tallinn („Die Stadt der Toten“) erkennt Bergengruen der Stadt eine Identität zu, die vom Tod ausgeht – er findet also den Gellner’schen Nabel: Die Riesin Linda – so „wussten die Ureinwohner des Landes von jeher zu überliefern“ – errichtet über dem Grab ihres Geliebten Kalew (Kalevipoeg) einen mächtigen Kalksteinfelsen. Es ist dies der Domberg, der erste „Keim der Stadt Reval“, der durch die Jahrhunderte bis heute das Herz der estnischen Hauptstadt ausmacht, um ihn herum ist die Stadt gewachsen – Regierung, Parlament, Kathedrale, Handel und Wandel, so also der Kern der Erzählung, sind über einem Grab errichtet. Das gelte nicht nur für Tallin: „Alle alten Städte sind Nekropolen“.


Im kulturellen Gedächtnis der Stadt Tallinn – und darauf verweist Bergengruen mit seiner Geschichte auch – erfährt der vom Tod her ausgerichtete Gründungsmythos eine Verstärkung dadurch, dass in der Stadt eines der großen Kunstwerke des ausgehenden Mittelalters aufbewahrt wird: „Der Totentanz“ von Bernt Notke (1435-1509): „Geschlechter um Geschlechter haben diese Malereien vor Augen gehabt.“ Bernt Notke, so wenig man von ihm sicher weiß, war in seiner Zeit eine Zentralgestalt, ja wohl die bedeutendste des Kunstmarktes in der Ostseeregion, er lebte und arbeitete in Stockholm für Sten Sture den Älteren; verbunden aber bleibt sein Name vor allem mit dem hansischen Lübeck, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, als Künstler und als Kunsthändler mit internationaler Ausstrahlung. Die Altarbilder „Lübecker Totentanz“ in der St. Marienkirche und „Revaler Totentanz“ in der St. Nikolaikirche gelten als die berühmtesten Zeugnisse mittelalterlicher Kunst im Ostseeraum. Viele Generationen haben die Malereien bewundert, viele Generationen aber auch die Inschriften gelesen – und irdische Bescheidenheit gelernt:

„To dessem danße rope ik alghemene:
Pawes, kaiser unde alle creaturen,
arme, ryke, grote unde klene!“

„Zu diesem Tanze rufe ich insgemein
Die Kreaturen allzumal:
Arm, Reich, Groß und Klein,
Papst, Kaiser, König und Kardinal“


Den Geschichten Bergengruens vom Tod ist eine Dimension beigemengt, und er spricht dieses deutlich aus, die sie abhebt von den Geschichten anderer Städte, anderer Regionen. Der Tod hat anderswo eine andere „Beschaffenheit“, das Reden vom und die Erinnerung an den Tod und damit an die Toten unter den Häusern, Straßen und Friedhöfen der Stadt Reval ist nicht durchzogen von Schwermut, denn: „Jeder Tod hat ja sein Gelächter.“ Bergengruens Geschichten vom Tod von Reval sind alles andere denn schwermütig oder traurig, sie sind nicht nur kurios, sie sind ironisch, und sie sind witzig. Es durchzieht sie so etwas wie ein ironischer Grundton, der, folgt man Bergengruen zur Grundstimmung der Menschen und des Zusammenlebens insgesamt in diesen Breiten gehört. Und so ist das Gedenken an die Toten eben nicht von „graue(r) und nordische(r) Düsternis“ durchzogen, wie dies „auf einen Landfremden wirken“ könnte.„In den hellen, heißen Ländern, in denen der Wein gekeltert und getrunken wird, hat auch der Tod ein anderes Gesicht. Sie kennen keine Dämmerung und keinen Übergang: Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Leben und Tod sind hart voneinander gesondert. Das süße Licht strömt klar über alle Erscheinungen hin und gibt scharfe Umrisse. Der Tod ist ein schwarzes Loch; niemand mag an ihn denken. Und die Abgeschiedenen sind tot.

Aber dort im Norden, dort oben im Osten, dort oben am Meer, dort wird der schwere kräftige Branntwein getrunken. Dort sind die Dämmerungen zu Hause und die Nebelwolken und Schneegestöber, und im hohen Sommer geht die Abendröte mählich hinüber in den roten Morgenschein. Und mitten in allem Leben sind die Toten gegenwärtig …

Wir aber wollen uns nicht vor dem Tod fürchten, sondern getrost nach seiner Vertraulichkeit trachten.“

Bergengruen spricht in dieser einleitenden Geschichte seiner kleinen Sammlung viele, wenn nicht alle natürlichen und menschlich gemachten Besonderheiten des Nordens und der Ostseeregion an. Ich nenne sie die Elemente der Identität: Klima, Landschaft, Naturgewalten, Essen und Trinken, Lebensgewohnheiten. Um diese wird es auf den folgenden Seiten gehen. Seine Geschichten kommen aus dem kollektiven Gedächtnis, vielleicht nur teilweise – sie vermitteln aber eine regionale Spezifität, die großzügig als Identität bezeichnet werden kann. Die Toten von Reval sind die erinnerten Erfahrungen einer Gemeinschaft, die sehr lebendig geblieben sind. Darum ist der Tod „ein großer Trost. Er macht, dass niemand sich zu fürchten braucht,“ wie es in der letzten Geschichte heißt, die mit der großen Bitte an die Zur-Ruhe-Gekommenen endet: „Requiem aeternam dona eis, Domine. Et lux perpetua luceat eis.“

Ich stelle diese Identitätsgenese nach Bergengruen hier voran, weil sie in gewisser Weise nicht nur Ernest Gellners Nabel-These zum estnischen Fall widerspricht, sondern auch weil sie vorwegnimmt, was mit der historischen Analyse Timothy Snyders evident wird, die ich weiter unten behandle: Wir haben es weit über die von Bergengruen hinaus gedachte Dimension des Todes mit einer Region der „Bloodlands“ zu tun. Alle alten Städte sind Nekropole – das gilt nicht nur für das alte Reval, das gilt für alle alten Städte der Ostseeregion; sie sind in historischer Zeit abgebrannt, Soldaten haben sie zerstört, Fremde sind in sie eingezogen, ja sie sind untergegangen – und leben trotzdem weiter auf ihren Toten, mit ihren Toten. Joseph Roth hat dies einmal freundlicher ausgedrückt: Menschen sterben, Städte leben. Haithabu, Kaupang und Birka, die Metropolen der Wikingerzeit sind verschwunden; Vineta ist untergegangen; Visby auf Gotland dürfte die berühmteste Ruinenstadt des Nordens sein; St. Petersburg ist über den Leichen derer errichtet, die die Stadt in den Newa-Sümpfen bauten; Kopenhagen brannte 1728 mehrerer Tage, die englische Flotte zerbombte die Stadt von See 1807; Åbo brannte 1823 vollständig nieder, wurde wieder aufgebaut, als finnische Hauptstadt fungiert seither Helsinki; der Untergang der mittelalterlichen und hansischen Stadtkulturen im Zweiten Weltkrieg ist tief im Gedächtnis der Gesellschaften eingeschrieben – von Lübeck über Wismar, Stralsund, Danzig, Riga, wobei Königsberg die totale Zerstörung erlebte und im Grunde nicht überlebte, die moderneren Kiel und Stettin wurden bis zur Unkenntlichkeit mitgenommen. Das Sterben der Stadtbevölkerungen durch Krieg und Katastrophen gehört zum „Normalen“ – die Städte überlebten gleichwohl. Städtischer Untergang, Wiedererstehen und neue Blüte gehören zur Geschichte der Ostsee-Städte.

Die Prägungen von Städten und Regionen durch den Tod gehören nicht zum „normalen“ Narrativ über sie – sie geben aber Erklärungshintergründe für gemeinsame Erfahrungen und für Ablagerungen im kollektiven Gedächtnis, die zu Zeiten auch wieder wach werden können (im Unterkapitel zu den „Bloodlands“ weiter unten nehme ich diesen Faden wieder auf). Im „normalen“ Narrativ kommt beispielsweise jenes bis dato ungekannte Morden des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr vor, das die Mitte des Kontinentes verwüstete und entvölkerte, auch die Ostseeregion. Im „normalen“ Narrativ kommt auch nicht vor, dass das Jahr 1708/09 eines der schrecklichsten Klimajahre der modernen Menschheit war, jedenfalls seit Menschengedenken den kältesten Winter brachte, der von Oktober bis Mai mit ungekannten Tiefsttemperaturen regierte: Die Ostsee war zugefroren, ebenso die Adria, die Ernten missrieten in ganz Europa, die Menschen starben zu Tausenden – und gleichzeitig wütete der Große Nordische Krieg (1700-21) in dieser Region. Auch die verheerenden Folgen, die die Pest über alle Landstriche Europas brachten, sind aus den Narrativen verschwunden, sie waren aber über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Gedächtnis präsent (müssen präsent gewesen sein!) und hatten nachhaltige Auswirkungen auf die Demographie, in manchen Städten und Regionen mit einer Todesrate von bis zu 70 Prozent. Die erste Pest, die 1348-50 über Europa kam dezimierte die Bevölkerung um ein Drittel bis zur Hälfte – es war in Nordeuropa die Zeit Waldemar IV. Atterdags (1321-75), des Vaters von Margarethe I., einem der wirklich Großen in der dänischen Geschichte und der Zeit als Dänemark mit gutem Recht eine Großmacht in der Region genannt werden darf. Nur 300 Jahre ist es her, dass die Pest in der Ostseeregion wütete – auch dieses Mal parallel zum Großen Nordischen Krieg: 1709-13: In der zweiten Hälfte des Jahres 1709 starben in Danzig 25.000 Menschen, die Hälfte der Stadtpopulation.

Vom Aufstieg und Niedergang der Ostseestädte gibt das Stadtbild des heutigen Tallinn ein sinnfälliges Abbild: Alle Türme der Stadt – die historischen wie die aktuellen, die hohen spitzen Kirchtürme, die Aussichtstürme aus der Vergangenheit, die Industrie- und Bankenpaläste der Gegenwart – sind von Fremden errichtet, von Invasoren und von Investoren, von geistlichen und weltlichen und wirtschaftlichen Herrschern. Wer wollte diese Türme missen?

Der schwedische Ethnologe Orvar Löfgren hat darauf hingewiesen, dass es zwei Eigenheiten der Menschen im Norden gibt, die sie von denen anderer Weltregionen unterscheidet, die in anderen Worten auf so etwas wie eine „regionale Identität“ einwirken. Diese Besonderheiten haben ursprünglich mit der Natur, mit dem Meer und mit der Landschaft zu tun, sie sind Faktoren des Klimas, sie sind also in der Realität verankert, bevor sie kulturell aufgeladen werden und sie sind unterschieden von der Montesquieuschen Klimatheorie – dabei wohl nicht nur typisch für Schweden sondern sicherlich für alle Anrainer der Ostsee: die Sehnsucht nach dem Sommer und die Sehnsucht nach dem Lande.

„Nirgendwo auf der Welt ist das System mit einem doppelten Wohnsitz so konsequent durchgeführt wie im Norden – hier wird die europäische Statistik der merkwürdigen Saisonwohnsitze getoppt, die sich in mehr Sommerhäusern, mehr Campingwagen, mehr Feriendörfern und mehr Charterreisen zeigt im Vergleich zu anderen Regionen. Wir haben es zur Führung eines Doppellebens gebracht, das auf einer magischen Reise basiert, einer Reise zum Sommer, einer Reise zu einem anderen Leben.“

Diese „Völkerwanderung“ zum Sommer, aufs Land und in die Provinz ist (in Nordeuropa!) immer auch eine Reise zum Meer, an dem sich diese magische Verwandlung zu einem anderen Leben ereignet. Sie geht zurück auf die adligen Vorstellungen vom guten Leben im europäischen 18. Jahrhundert – bereits damals entstanden die ersten, allerdings inländischen Kurorte und -anstalten in Schweden –, sie erhielt ihren ideologischen Unterbau durch die Gedanken Rousseaus vom einfachen und natürlichen Leben auf dem Lande und wurde über das 19. Jahrhundert hinweg verbürgerlicht, bis sie schließlich im 20. Jahrhundert aufgrund des allgemein gestiegenen Wohlstandes demokratisiert wurde.

Die drei skandinavischen Länder sind ganz sicher durch diese Sehnsucht nach dem Sommer, dem Meer und der Freizeit gekennzeichnet. Sie ist aber auch offenbar in der Datschen-Kultur der Sowjetzeit in der DDR, in Polen und den baltischen Ländern. Wer heute durch polnische und baltische Küstenstädte entlang der Ostsee fährt, kann beobachten, dass auch in diesen Ländern die Wohlstandsgrenzen sich nach oben bewegen, dass auch in diesen Ländern die Sehnsucht nach dem Meer sich in der Zunahme von Marinas und von Segelbooten zeigt.

Thomas Mann – um ein bezeichnendes deutsches Beispiel zu wählen – baute sich von seinem Nobelpreisgeld 1929 ein schmuckes Sommerhaus in Nidden (heute Nida) auf der Kurischen Nehrung am Ostseestrand (das 1939 beschlagnahmt wurde und an Hermann Göring übergeben wurde, der sich dort aber nie aufgehalten hat); dort fand er mit den gewaltigen Sanddünen die Vorbilder für die ägyptischen Wüsten, durch die sich Joseph und seine Brüder im Roman, den er dort in Teilen schrieb, bewegten: „… man glaubt, in der Sahara zu sein“. Von der „Sahara an der Ostsee“ oder der „osteuropäischen Sahara“ hatte es sich eingebürgert zu sprechen.

Der „Sommergäste“ entlang der Ostseeküsten waren viele: Gerhard Hauptmann nahm seinen künstlerischen Sommersitz auf Hiddensee, neben der Insel Rügen; Carl Zuckmayer, Ernst Ludwig Kirchner, Gret Palucca, Heinz Rühmann urlaubten in Nidden; Edvard Munch malte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Warnemünde, Alexej Jawlensky wählte Prerow, Lyonel Feininger zog es nach Usedom und Erich Heckel nach Stralsund, Lovis Corinth, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rotluff und viele andere zog es auf die Kurische Nehrung; Nidden wurde zum „Worpswede des Ostens“. Rund um die Ostsee entstanden Künstlerkolonien: Skagen in Dänemark, in Südschweden, entlang der deutschen Ostseeküste, auf den Inseln; Saltjöbaden vor Stockholm, Travemünde vor Lübeck oder Jūrmala bei Riga wurden im 19. Jahrhundert exquisite Ostseebäder. Bereits von 1809 findet sich ein frühes Zeugnis, das die Ostsee-Begeisterung und -Faszination vorwegnimmt, auf dem Weg von Berlin über Königsberg nach St. Petersburg schreibt Wilhelm von Humboldt über die Kurische Nehrung in einem Brief an seine Frau Caroline (auch diese Sätze werden immer wieder zitiert):

„Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll.“

Schließlich auch ließ die Sehnsucht nach dem Meer eine Kultur der Badeorte und -anstalten entstehen, ebenso Kurkliniken und mondäne Hotelanlagen; eine spezielle Kleiderordnung gehörte selbstverständlich auch zu dieser Kultur. Spätestens ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts empfehlen ärztliche Ratgeber die Großstadtluft gegen die Reinheit der Meeresluft einzutauschen. Eine weiße Bäderkultur und -architektur entstand entlang der gesamten südlichen Ostseeküste, die von Glücksburg an der Flensburger Förde bis Haapsalu in Estland die Ästhetik der Badeorte vereinheitlichte. Je weiter man nach Osten und nach Norden blickt, kommen russische und skandinavische Eigenheiten hinzu.

Es stellte sich, folgt man Löfgren, eine für den Norden spezifische kulturelle Aufladung ein, nach der zwischen Stadt- und Landleben, zwischen Sommer- und Winterleben unterschieden wird. Das Winterleben findet in den Bergen statt, das Sommerleben am Meer und auf den Inseln; die Literatur, in der diese Sommer- und die Meer-Erfahrungen geschildert wird, ist Legion – ob dies P.C.Jersilds „Die Insel der Kinder“ (Barnens ö) ist oder Günter Grass‘ „Katz und Maus“, August Strindbergs „Die Leute auf Hemsö“ (Hemsöborna) und „Am offenen Meer“ (I havsbandet) oder ob dies ein Dichter ist, der Ost und West kannte, der seine Region und ihre Menschen in vier Bänden beschrieb („Jahrestage“) und der fern der Ostsee 1984 wahrscheinlich an Heimweh gestorben ist: Uwe Johnson. Der Ort, an dem er seine letzten zehn Jahre verbrachte – Sheerness on Sea an der Themsemündung, war ein Kaff wie das, aus dem er kam – Cammin in Pommern, seinetwegen erhielten sie einen gewissen Ruhm.

Was im Kern dieser kulturellen Aufladung steckt, wird mit einem literarischen Zeugnis bereits aus dem späten 18. Jahrhundert deutlich, es spricht der Adlige Carl-Gustaf Tessin:

„Also finde ich wieder meine Ruh‘, mein Haus, mein (gröda).
Mein Tisch, gedeckt mit Hausmannskost und Büchern – die Geburt der Sinne …
Ich höre nicht mehr das Rumpeln der Kutschen, nicht der Hofleute Staat und Pomp;
Der sanfte Schwall des Wassers, eines Vogels (ljuva) Gesang
Das lässt mich einschlafen und auch wieder aufwachen …“


Die Suche nach dem Ursprünglichen, die Flucht aus und vor der Zivilisation verschlägt die Menschen während der kurzen und hellen Sommermonate ans Meer und auf die Inseln. Die Suche nach Natur und nach unmittelbarer Anschauung verführt sie zu einer temporären Existenz, die man eine magische nennen könnte. Die Zivilisation wird als entfremdend erfahren, die Natur – das Meer – bietet die Rekonvaleszenz.

Einige Jahrzehnte nach Tessin schreibt ein Künstler in einem fingierten Brief:

„Kamerad! Ich habe beschlossen, die Zivilisation für einige Zeit hinter mir zu lassen, um mit der Natur zu verkehren. Ich wünschte, du könntest mich sehen und bei mir sein, die Harmonie hören, die ich höre, und die gleiche Glückseligkeit erfahren, die ich erfahre. Schau her, wie es mir geht: Ein einfaches Zimmer in einer dürftigen Hütte. Der Raum hat zwei Fenster; durch das eine sieht man die Klippen, durch das andere das Meer.“

Das Meer und die Landschaft am Meer erlauben die Erholung von der Zivilisation, die bereits vor über 200 Jahren als laut und hektisch empfunden wurde. Gingen die Anfänge dieser Sehnsucht eher von Einzelnen aus, waren die Umstände der Zivilisationsflucht eher als ärmlich zu bezeichnen, ist die „Sehnsucht“ heute zu einem Massenphänomen geworden, das allen Regeln der Kommerzialisierung unterliegt. Der Transformationsprozess weist aber noch eine weitere besondere Entwicklung auf: Die Meeres-Sehnsüchtigen des 18. und 19. Jahrhunderts kamen als Fremde an die Küsten, sie waren die „Zivilisierten“, deren Lebens- und Kleidungsweisen für die Einheimischen völlig unverständlich waren. Auch dieses hat sich verändert. Der Unterschied zwischen den Fremden und den Einheimischen ist durch den kulturellen und sozialen Langzeithobel ausgeglichen worden, die Einheimischen haben ihre traditionellen Arbeits- und Berufsgrundlagen verloren, sie sind den „Zivilisierten“ ähnlicher geworden.

Was aber unverändert geblieben ist, und das ist für die kulturelle Aufladung der Meeres-Kultur wichtig: Die Sehnsucht nach dem Meer ist mindestens ab dem 20. Jahrhundert auch eine Sehnsucht nach Kindheit und Jugend. Die an den Ostseestränden verbrachten Sommerferien sind in das Gedächtnis von Generationen eingebrannt, sie haben die Erinnerungen an das Meer, den (kurzen) Sommer und eine unbeschwerte Jugend geprägt – und sie sind abrufbar. Eine Reise ans Meer ist daher auch immer eine Reise zurück in die Jugend, die in der Erinnerung immer durch Sonnenschein und warme (Wasser-) Temperaturen geprägt ist, der Sommer der Kindheit war selbstverständlich besser als der aktuelle Sommer. Die Reise durch den Raum ist auch immer eine Reise zurück in der Zeit. Die Strandkultur, zu der nicht nur die Kleidung gehört (oder auch gar keine), wird erinnert durch positive Erfahrungen; das Picknick, die Kuchen, das Eis, die Säfte, die am Strand verzehrt wurden, werden erinnert, und die Verhaltensweisen am Meer wiederholen sich, weil sie als Jugenderfahrung positiv aufgeladen sind – Thomas Mann: „Die Ostsee – meiner Jugend wilder Freund“.


Das Meer und die Sehnsucht nach Freiheit

Das Meer ist aber immer auch der symbolische – und manchmal auch tatsächliche – (Sehnsuchts-) Ort der Freiheit. Für die jüdischen Flüchtlinge Dänemarks des Oktober 1943 war die illegale Fahrt bei Nacht und Nebel über den Öresund eine Reise in die Freiheit, eine Reise vom Tod in das Leben. Von den Evakuierten aus Helsinki, die während des Krieges nach Schweden gebracht wurden, gibt es dankbare Schilderungen ihrer Rettung. Die Kurische Nehrung war während der Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges Zufluchtsort für den Widerstand und die Flüchtlinge aus den Bombennächten. Die Liste der Namen derjenigen, die in und um Nidden Zuflucht suchten – und nicht alle fanden sie dort – ist eine Liste der Ehrenhaften, der Künstler, der Politiker, der Verfolgten. Stellvertretend für viele sei Michael Wieck, ostpreußischer „Geltungsjude“ und späterer Violinist mit seinen Erinnerungen an die Kindheit zitiert, weil in seinen Worten die kulturelle Aufladung aufgrund eines speziellen politischen Hintergrundes eben auch eine politische Bedeutung hat:

… die Ferien in Nidden waren seine schönsten Kindheitserinnerungen und hätten „ganz sicher“ dazu beigetragen, „die Hoffnung niemals zu verlieren und das Leben immer zu lieben. In den schwersten Stunden gaben mir diese Erinnerungen Trost und Mut.“

Diese Sehnsuchtsreisen in die erinnerte Jugend erfahren ihre traumatischen Applikationen bei der Generation der Vertriebenen, die sich nach der Implosion der Sowjetmacht wieder in die ehemals gesperrten Gebiete begeben können, das betrifft nicht nur die Deutschen, die in Ostpreußen und auf der Kurischen Nehrung ihre Jugend wiederfinden, das betrifft auch Litauer, Letten und Esten in Bezug auf ihre nun wieder zugänglichen Küsten.

Auch aus zahllosen Berichten wissen wir, dass sich für die Menschen während der Sowjetzeit die Sehnsucht nach dem Meer mit einer Sehnsucht nach Freiheit verband. Der Urlaub an der Ostsee, der Urlaub an der See gestatteten den Blick auf eine imaginierte, ferne Freiheit von der Küste der DDR aus, von Polen und den baltischen Ländern – und manche versuchten, manchen gelang die Flucht. Die Regime haben daher nichts intensiver betrieben als die militärische Absperrung der Küsten, sie wurden, wo die „westlichen“ Nachbarn zu nahe lagen, zu no-go-areas, in Estland etwa und an der deutsch-deutschen Grenze. Es gibt entlang der südlichen und östlichen Küsten der Ostsee aus diesen Gründen zahlreiche „Orte“, die mit ihren militärischen und ihren Sicherheits-Anlagen als Erinnerungsorte in ein Museum des Kalten Krieges eingehen sollten; und es gibt zahlreiche Opferorte entlang der Küsten, von denen die Flucht in die Freiheit nicht gelang. Die alte Seefahrerweisheit, „das Land trennt – das Meer eint“, wird insofern von der Sehnsucht nach Freiheit eingefangen; das Meer steht auch für den Ort der offenen Kommunikation.

Für die maritimen Wünsche, Sehnsüchte und Versprechungen gibt es durch die Jahrhunderte Zeugnisse. Mit „navigare necesse est“ sind Generationen von Pennälern aufgewachsen; die Seefahrer-Weisheit und die der Kaufleute von der Verbindungskraft des Meeres wurde gerade zitiert; auf die Ostsee bezogen sprach Peter der Große vom „Meer der Überraschungen“, Napoleon vom „Gewässer der Versprechungen“; nach dem Ende des politischen Systemgegensatzes haben Hans-Dietrich Genscher, Uffe Ellemann-Jensen und andere die Charakterisierung der Ostsee als „Meer der Möglichkeiten“ in Umlauf gesetzt, der dänische Schriftsteller Peter Høeg hat das Wort zur tragenden Metapher seines letzten Romans gemacht.


Reichen diese Argumente für des Menschen „Sehnsucht nach dem Meer“ aus? Gibt es nicht vielleicht auch Gründe für die Sehnsucht, die vom Gegenstand der Sehnsucht, dem Meer, selbst ausgehen und der Konfrontation mit diesem Element?

Ja, in der Tat! Und diese Gründe sind insbesondere, aber nicht nur, in der Literatur zu finden. Das Meer war zu allen Zeiten Inspirationsquelle für Maler, Dichter, Schriftsteller. Die Faszination rührt aus dem Volatilen, der Hybridität selbst, den Gefahren und aus der Anschauung des buchstäblich Unendlichen, ja von Weite und Schönheit. Virginia Woolfs wählte für ihren vorletzten Roman von 1932 den Titel „The Waves“ zugleich als Metapher für das Auf und Ab des Lebens schlechthin. Lars von Triers Filmepos „Breaking the Waves“ von 1996 greift auch auf diese Symbolik zurück. Es ist die Offenbarung eines „wunderbaren Bildes in der Seele“, von dem Wilhelm von Humboldt schreibt, das einem fehlen würde, hätte man es nicht gesehen und erfahren. Meereserfahrung ist also Teil der Persönlichkeitsentwicklung, formt Individualität und Identität. Günter Grass ist mit seinen Romanen aus und über Danzig ein herausragendes Beispiel; von den Angelsachsen sind insbesondere Herman Melville („Moby Dick“), Joseph Conrad (u.a. „Lord Jim“) und Ernest Hemingway („The old man and the sea“) zu nennen.

Thomas Mann spricht davon, dass das Meer einen primitiven, elementaren Charakter habe und angesichts der Dünen der Kurischen Nehrung vom „Eindruck des Elementarischen, wie ihn sonst nur das Hochgebirge oder die Wüste hervorruft“. Sein Sohn Klaus hat sich 1931 nirgendwo ferner von Europa gefühlt als in der „Saharalandschaft“ am Ostseestrand, angesichts „schmerzender Schönheit“. Karl Schlögel, der seine Eindrücke von der Kurischen Nehrung und der Ostsee wiedergibt, interpretiert die Erfahrung des Elementarischen mit folgenden Sätzen:

„… ein Land mit einem ungeheuren Himmel und so weit, wie es nur noch ostpreußische Landschaften waren. Dort gab es nichts Liebliches … Die Bilder … besagten, daß es noch etwas gab, was sich menschlicher Verfügung entzog und möglicherweise stärker war als der Mensch. … das war der überwältigende Eindruck , der von der schieren Grenzenlosigkeit des Raums ausgeht …Alle Gerüche, die eine sommerlich erhitzte Landschaft aus Sand und Kiefernwäldern zu bieten hat, entfalten sich zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang und lehren einen die Zusammensetzung der Welt. Alles, was an Licht denkbar ist, kommt zum Einsatz: ein leuchtender Morgen, wenn die Sonne über dem Haff aufgeht, ein hartes helles Licht zur Mittagszeit und lange weiche Schatten, wenn der Abend kommt. Die karge Landschaft fängt dann in allen Schattierungen an zu leuchten, und die Große Düne, von einem harten Weiß zu Blau. Im Mondlicht schiebt sie sich wie ein mattweißer Riegel ins Haff, das nunmehr silbrig glänzt.“

Was Schlögel in seinem Bericht in Verlängerung von Thomas Mann resümiert, ist das Faszinosum, das von den Elementen und zugleich einer Anschauung des Erhabenen ausgeht; die Bewohner der Küsten und die Seefahrer haben es erfahren, ob leidvoll oder anrührend sei dahingestellt, die Besucher zieht es offensichtlich an. Philosophen, Theologen, Dichter, Künstler, ja Sinnsucher vieler Provenienz haben diese Meer-Erfahrung zu ihrem Thema gemacht. Bei Victor Hugo heißt es (Les travailleurs de la mer, 1866): „The solitudes of the ocean are melancholy: tumult and silence combined. What happens there no longer concerns the human race.” Noch klarer wird Mary Oliver: “The sea isn’t a place but a fact, and a mystery.” Ein anderer zeitgenössischer Autor erinnert an archaische Überlieferungen:

“People on land think of the sea as a void, an emptiness haunted by mythological hazards. The sea marks the end of things. It is where life stops and the unknown begins. It is a necessary, comforting fiction to conceive of the sea as the residence of gods and monsters – Aeolus, the Siren, Scylla and Charybdis, the Goodwins, The Bermuda Triangle. Its topography is as intricate as that of land, its place names as particular and evocative, its maps and signposts rather more reliable.”

Die Formulierungen verweisen über den Ausdruck des Erhabenen hinaus in Richtung des Religiösen; angesprochen, aber so nicht benannt, wird in diesen Beispielen eine Transzendenzerfahrung, die sich für den säkularen/säkularisierten Menschen am ehesten auftut angesichts extremer Lebenssituationen, extremer Landschaften, hoher Berge, weiter Wasser, ferner Horizonte. In Philosophie und politischer Theorie ist damit die „kosmische Primärerfahrung“ gemeint, die unstrukturierte Realitätsvermittlung und -interpretation. Himmel und Erde, Elemente, Götter, Menschen und Gesellschaft werden als Zusammen-Sein in einem Kosmos. Gemeint ist das Staunen vor dem Denken.

Willy Brandt, als Lübecker selbst am Wasser aufgewachsen, hat dies einmal lakonisch so ausgedrückt, dass zu den grundlegenden Meereserfahrungen gehört, dass man an und auf dem Meer geradeaus schauen und geradeaus denken könne, es stehen keine Berge im Wege, die den Horizont verbergen – und zu Umwegen zwingen, sei es im Schauen, sei es im Denken. Die Geradlinigkeit und der verlässliche Charakter, so ist er zu interpretieren, ist am ehesten unter dem weiten Himmel der Ostsee, am Wasser zu finden.

Kein Maler hat dies trefflicher auf die Leinwand gebracht als der in Greifswald, an der Ostsee, geborene deutsche Romantiker Caspar David Friedrich (1774-1840), aber auch bei seinem norwegischen Kompagnon Johan Christian Dahl findet sich diese Sicht: Die mit dem Rücken zum Betrachter über das Meer in die Ferne blickenden Gestalten repräsentieren Sehnsucht und Fernweh; wir sehen Ingredienzien, aber auch Projektionen und Verschiebungen weg von der eigenen Wirklichkeit, die als defizient erfahren wird, auf eine andere; die Realität verschwimmt, sie bleibt außerhalb der Bilder. Zusammen mit den Bildgestalten blickt der Betrachter in Richtung auf einen fernen Horizont, in eine andere Welt, zum Reich der Freiheit hinter dem Horizont, das Reich der Notwendigkeit ist bereits durchlebt. Es ist aber ein diffuses Reich der Freiheit, es wird geahnt und nicht abgebildet. Eine Interpretation, die auch die Bilder William Turners (1775-1851) nahelegt; die Objektwelt ist keine reale mehr, sie wird relativiert, gegenstandslos, fluid, Atmosphäre ist alles: Die Illusion des Blickes in den Kosmos macht die Attraktion dieser Bilder aus, des Blickes in die Unendlichkeit. Diese Erfahrung ist – physisch – nur auf Berggipfeln oder am oder auf dem Meer möglich.

Nicht wirklich präsent ist im öffentlichen Bewusstsein, dass die Ostseeregion eine alte Wissenschaftsregion mit einer sehr würdigen Tradition ist, an die anzuschließen wäre, es ist nicht zuletzt eine Tradition des Transfers und der Mobilität.

Über 100 Universitäten und Forschungsinstitute liegen im Einzugsbereich der Ostseeregion, und das nicht erst seit unserer Zeit – rund um die Ostsee finden wir die ältesten Universitäten des Kontinentes: Rostock (1419), Greifswald (1456), Uppsala (1477), Kopenhagen (1479), Königsberg (1544), Vilnius (1578), Tartu/Dorpat (1632), Åbo/Helsinki (1640), Kiel (1665), Lund (1666). Der Austausch von Forschung, Professoren und Studenten hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Norden, dass die Ostseeregion in historischer Zeit viel weniger peripher lagen, als es den Anschein hat. Die akademischen Netzwerke, die wissenschaftlichen Reisen sorgten für den regen Austausch von Ideen und Menschen. Johann Gottfried Herder brach zu seiner europäischen Entdeckungsreise von Riga auf. Die Ostseeregion war ein vielsprachiges, multikulturelles Meer, an dem die Nationszugehörigkeit keine Rolle spielte, bzw. von nachgeordneter Bedeutung war.

In dieser Region haben Nikolaus Kopernikus, Tycho Brahe, Carl von Linné, Immanuel Kant, Søren Kierkegaard, Niels Bohr und viele andere gelebt und geforscht, hier werden seit 1901 alljährlich die Nobelpreise vergeben. Rund um den Öresund, nach dem Brückenbau die am rasantesten wachsende Region in Europa, und ausgreifend nach Mecklenburg-Vorpommern haben sich prosperierende biotechnologische, pharmakologische und medizinische Firmen und Forschungsinstitute angesiedelt („Medicon Valley“ und BioCon Valley). Sie tragen heute nicht unwesentlich zur Prosperität und vor allem zum Optimismus in dieser Region bei.

Das postmoderne Konzept des Brandings (für Produkte, Regionen und Nationen) erzählt uns, dass die wesentliche Voraussetzung für die Durchsetzung eines solchen Konzeptes – und das bedeutet seine allgemeine Akzeptanz – der Wahrheitsgehalt ist: Die nachvollziehbare Verankerung in der Realität. Die Ostsee während des Kalten Krieges ein „Meer des Friedens“ zu nennen, war ganz offensichtlich eine Lüge, war doch für jedermann die Präsenz des Militärs und die Abschottung der Küsten und Grenzen sicht- und erfahrbar; sie war das genaue Gegenteil eines Friedensmeeres, der Begriff ist seither kontaminiert.

Ein vergleichbares Dilemma wird im Hinblick auf den Gebrauch des Begriffes „Identität“ offenbar: Eine essentialistische, eine substantialistische Identität, das haben die Materialien und die Überlegungen dieses Essays gezeigt, ist eine Unmöglichkeit – es gibt keine so gewichtigen Gemeinsamkeiten der Region, auf denen man eine gemeinsame Identität bauen könnte. Ethnien, Geschichte, Sprachen, Religionen, Kulturen, Lebensweisen sind entlang der Küsten so verschieden, dass es sich verbietet, von regionaler Homogenität zu sprechen, von gemeinsamer Mentalität ganz zu schweigen. Die Ostseeregion ist vielmehr über die Jahrhunderte eine Region der politischen und kulturellen Vielfalt gewesen, Heterogenität ist ihr Kennzeichen. Man musste, und man muss in dieser Region „auf vielen Beinen“ stehen, mit sehr vielen gehen können, um über die Grenzen hinweg bestehen zu können. Die Wikinger des Mittelalters, die Kaufleute der Hanse, die wandernden Wissenschaftler der frühen Neuzeit, die Handwerker haben uns das vorgemacht.

Von einer gemeinsamen Identität zu sprechen, verbietet auch der Begriff selbst: Es gibt keinen Konsens darüber, was Identität eigentlich ist, woran man sie festmachen kann; er wird im Alltag inflationär gebraucht, ohne dass jemand mit Überzeugung hat sagen können, was sich mit „Identität“ ausdrücken lässt. Ein Grund für die Wandlung des Begriffes in ein „Allerweltswort“ liegt in seinem wissenschaftlichen Klang. „Identität“ kommt aus der Wissenschaft und drückt wissenschaftliche Verlässlichkeit aus – ist aber ein „Reduktionsbegriff“, er täuscht Komplexität vor, wo er tatsächlich Allerweltsweisheiten benennt, an die man glauben kann oder auch nicht. Da er alles umgreift, erklärt er gar nichts. „Identität“ hat sich mithin zu einem Ausdruck des Gefühls entwickelt.

Wer nach dem fragt, was die Menschen rund um die Ostsee eint, was sie gemeinsam haben, und wer diese Frage nicht mit einer scheinwissenschaftlichen Überhöhung in „Identität“ münden lassen will, der wird sehr viele „Elemente“ identifizieren, die den Menschen rund um die Ostsee ein Wir-Gefühl zugestehen wird lassen. Dazu gehört selbstredend das Meer, seine Küsten, das Klima, die Jahreszeiten, die Sommerurlaubserfahrungen, die Freiheitssehnsüchte, die Hinterlassenschaften von Architektur und Kultur, das Stadtleben, die Verwandtschaften über die See und über die Grenzen, nicht zuletzt aber auch die eigenen oder die abgelagerten Erinnerungen an die Kriege, die man gegeneinander geführt hat. Ein transnationales, ein ostseeisches Wir-Gefühl zu konstatieren oder zu wecken, dürfte nicht wenig schwierig sein – es wäre aber ehrlicher als die Suche nach einer gemeinsamen „Identität“. Das grundlegende Dilemma aller nationalen Identitätssuchen überwindet die Wendung zum Wir-Gefühl aber auch nicht: Dass es neben dem Wir auch die Anderen gibt, die Feststellung einer besonderen nationalen, einer regionalen Identität hat immer etwas Ausschließendes. Für die Ostseeregion gilt aber die historische Erkenntnis: Je weniger Ausschließung es gab, desto besser ging es den Menschen, materiell und kulturell; je heterogener der Alltag war, desto kreativer war er: Kultur und Wohlstand kommen aus der Offenheit und der Begegnung mit den Anderen. Es ist das Drama der gegenwärtigen, von Krisenerfahrungen initiierten Suchen nach der nationalen und regionalen „Identität“, dass gerade im Norden Europas (aber nicht nur hier) die politischen sogenannten Volks- und Fortschrittsparteien (und nicht nur sie) diese grundlegende Erfahrung einer jahrhunderte-, einer jahrtausendelangen Begegnungsgeschichte leugnen und die Herrlichkeit der eigenen Nation über alles setzen.

Fußnoten


1: Die internationalen Diskussionen werden ausführlich referiert und diskutiert bei Niethammer, Lutz: Kollektive Identität. Heimliche Quellen einer unheimlichen Konjunktur. Reinbek 2000; Straub, Jürgen: Identität. In: Jaeger, Friedrich, Burkhard Liebsch (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften. Stuttgart 2004, Bd. 1, S. 277-303; vgl. auch den Eintrag „Identität“ in: Ritter, Joachim, Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Darmstadt 1976, Bd. 4, Sp. 144-157.
2: Gleason, Philip: Identifying Identity: A Semantic History. In: The Journal of American History Vol. 69 (1983), H. 4 (S. 910-931), S. 914. “Identity had reached the level of generality and diffuseness that A.O.Lovejoy complained of many years earlier in respect to the word romantic: it had ‘come to mean so many things that, by itself, it means nothing. It has ceased to perform the function of a verbal sign.’ There is little point in asking what identity ‘really means’, when matters have reached this pass.” Vgl. dazu auch Niethammer, a.a.O., S. 9. Niethammer rechnet „Identität“ zu den „Plastikwörtern“.
3: Gemzell, Carl Axel: Penetration und Reaktion. Deutsch-skandinavische Beziehungen unter dem Druck der Moderne. In: Geschichtsbild in den Ostseeländern 1990, (S. 85-98) S. 85 (= Bericht eines Seminars des Schwedischen Zentralamtes für Universitäts- und Hochschulwesen).
4: Erwähnt sei hier nur der Sonderforschungsbereich 541 der Deutschen Forschungsgemeinschaft: „Identitäten und Alteritäten – Die Funktion von Alterität für die Konstitution von Identität“ der Universität Freiburg 1997-2003.
5: Vgl. Keupp, Heiner u.a.: Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek 1999; Haslinger, Peter (Hrsg.): Regionale und nationale Identitäten. Wechselwirkungen und Spannungsfelder im Zeitalter moderner Staatlichkeit. Würzburg 2000.
6: Niethammer, a.a.O., S. 40.
7: Ebenda, S. 41.
8: Erikson, Erik H.: Kindheit und Gesellschaft. Zürich 1957; zur innerwissenschaftlichen Diskussion um Erikson s. Keupp u.a., a.a.O., S. 21ff.
9: Blommaert, Jan: Discourse. A critical introduction. Cambridge 2005, S. 205.
10: Bergengruen, Werner: Der Tod von Reval. Kuriose Geschichten aus einer alten Stadt. München 2006.
11: Ebenda, S. 7.
12: Ebenda, S. 7.
13: Ebenda, S. 9.
14: Auf die wechselvolle Geschichte der Altarbilder, auf Zerstörung, Wiederherstellung und Kopierung und auf unterschiedliche Zuordnungen kann hier nicht eingegangen werden.
15: Bergengruen, a.a.O., S. 8 und S. 5.
16: Ebenda, S. 9.
17: Ebenda, S. 10.
18: Ebenda, S. 155.
19: Vgl. z.B. Hackmann, Jörg: Zwischen Zerstörung und Rekonstruktion: Beobachtungen zu historischen Altstädten zwischen Lübeck und Narva nach 1945, in: Hecker-Stampehl u.a. (Hrsg.): Perceptions of Loss, Decline and Doom in the Baltic Sea Region. Berlin 2004, S. 371-397.
20: Dass in diesem Zusammenhang Vineta immer wieder als Metapher auftaucht ist kein Wunder. Vgl. z.B. den Sammelband Hecker-Stampehl u.a. (Hrsg.): Perceptions of Loss, Decline and Doom in the Baltic Sea Region. Berlin 2004, darin Bannwart, Aino u.a.: Perzeptionen des Untergangs. Grundlage und Perspektiven, S. 11-23.
21: Vgl. Behringer, Wolfgang: Kulturgeschichte des Klimas. Von der Eiszeit bis zur globalen Erwärmung. München 2007, S. 127f.
22: Frandsen, Karl-Erik: The last plague in the Baltic Region, 1709-1713. Copenhagen 2010.
23: Löfgren, Orvar: Längtan till havet. In: Osvalds, Erik (Hrsg.): Sekelskifte. Lund 1996, S. 101-113.
24: Ebenda, S. 102.
25: Grebing, Helga: In Nidden zwischen 1933 und 1944 – gelebte Bildungsbürgerlichkeit als bewusster Protest gegen Nationalsozialismus und Krieg. http://www.helgagrebing.de/docs/nidden1.html [16.8.2011]
26: Mann, Thomas: Mein Sommerhaus. In: Ders.: Über mich selbst. Frankfurt/M. 1994 (S. 389-394), S. 392.
27: Schlögel, Karl: Promenade in Jalta und andere Städtebilder. München 2001, S. 231.
28: Zit. n. Grebing.
29: Löfgren, a.a.O., S. 103.
30: Zit. n. Löfgren, S. 102.
31: Zit. n. Löfgren, S. 105.
32: Hannemann nimmt genau diese abrufbaren Kindheitserinnerungen an die Ostsee zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen über die verschütteten politischen Möglichkeiten der Region, Hannemann, Matthias: Wir an der See. Mit Europa kommt endlich die Ostsee wieder zur Geltung. In: Liberal. Vierteljahresheft für Politik und Kultur. 3/2006, (S. 58-61), S. 59.
33: Löfgren, S. 113.
34: Zit. n. Grebing, a.a.O.
35: Peleikis, Anja: Reisen in die Vergangenheit: Deutsche Heimattouristen auf der Kurischen Nehrung. In: Čiubrinskas, Vytis, Rimantans Sliužinskas (Hrsg.): Identity Politics: Histories, Regions and Borderlands. Klaipeda 2009, S. 115-129 (= Studia Anthropologica III).
36: Vgl. z. B. Gauck, Joachim: Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen. München 2009; Kolbe, Uwe: Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe. Göttingen 2011.
37: Høeg, Peter: Elefantpassernes børn. Kopenhagen 2010.
38: Raban, Jonathan (Hrsg.): The Oxford Book of the Sea. Oxford 1992.
39: Mann, a.a.O., S. 393.
40: Ebenda, S. 392.
41: Klaus Mann zit. n. Grebing, a.a.O.
42: Schlögel, a.a.O., S. 231-234.
43: Eine vorzügliche Studie liegt dazu vor von Mack, John: The Sea a cultural history. London 2011.
44: Zit. n. Mack, a.a.O., S. 17.
45: Zit. n. Mack, a.a.O., S. 17.
46: Raban, Jonathan: Coasting, zit. n. Mack, a.a.O., S. 13.
47: Niethammer, a.a.O., S. 34.
48: Ebenda.
49: Vgl. auch Niethammer, a.a.O., S. 627ff.