Spree-Athen e.V.

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"Unsere Begegnungen könnte man auch ein unendliches Gespräch zwischen Philosophie, Literatur, Religion und Psychologie nennen – oder eine Bewegung zwischen Philosophieren, Dichten, Glauben, Wissen und Wahrnehmen."

Lebensprozess und Mitteilung:

 
Lebensprozess und Mitteilung: Bewusstsein als Organ des Menschen
 
Prof. Volker Gerhardt
 
Prof. Volker Gerhardt war am 08. Juli 2009 bei Spree-Athen zu Gast.
Sein Vortrag hatte zum Thema:
Öffentlichkeit - Individuelles Bewusstsein und öffentlicher Raum

Der folgende Beitrag stellt eine hervorragende Vertiefung dieses Themas dar.
 

Die Frage nach dem Bewusstsein stellt uns - gerade angesichts eines manchmal überzogenen Anspruchs der Neurowissenschaften - vor nicht geringere philosophische Schwierigkeiten als die nach dem Leben. Volker Gerhardt, der an der Berliner Humboldt-Universität Philosophie lehrt scheut die Erörterung dieser Fragen schon deswegen nicht, weil er der Versuchung endgültiger Antworten widersteht und also Fragen offen lässt. In vorliegendem Text überrascht Gerhardt zunächst mit der These vom Bewusstsein als einem „Organ". Die noch überraschendere Beobachtung jedoch hebelt die scheinbar gängige - in Wahrheit von Internalismus und Idealismus verbreitete - Vorstellung vom Bewusstsein als Ausdruck einer „autistischen Binnensphäre des Selbstbewusstseins" aus, denn für Gerhardt ist das Bewusstsein unser „Organ der Welterschließung". Dass diese nur in der „Öffnung für anderes und Andere" gelingen kann und so das Ich allein durch seinen Bezug zu einem Du Sinn bekommt, leuchtet unmittelbar ein, ist jedoch im philosophischen Diskurs nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Gerhardt spannt denn auch den Horizont der Fragestellung viel weiter auf, indem er nach dem wechselweisen Bezug von Subjektivität und Objektivität, Individualität und Universalität, privatem und öffentlichem Leben in ihrer jeweiligen Verbindung und Abgrenzung sucht. Der vorliegende Beitrag wurde von Volker Gerhardt am 16. April 2009 auch als Vortrag im Rahmen der Vorlesungsreihe „Funktionen des Bewusstseins“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gehalten.
Von Prof. Dr. Volker Gerhardt

Zusammenfassung:

Mit dem Auftritt des Lebens vermehrt sich der Bedarf an Information, der mit der Komplexitätssteigerung im Gang der Evolution dramatisch zunimmt. In dieser Entwicklung lässt sich dem vergleichsweise spät auftretenden Bewusstsein eine Rolle zuschreiben, die nachträglich, wie immer, als notwendig erscheint: Das Bewusstsein koordiniert die Informationsflut aus dem Inneren eines Organismus, der sich in wechselnden Umwelten zu behaupten hat und zugleich mit den Kooperationsaufgaben fertig werden muss, die ihm in einer arbeitsteiligen Gesellschaft zukommen. Auf diese Weise kann man die Funktion des Bewusstseins in der Mitteilung sehen, die nun nicht mehr bloß im Organismus verarbeitet wird, sondern öffentlich zu erfolgen hat. - Vor diesem Hintergrund erörtert der Beitrag die Frage, inwieweit das Bewusstsein als Organ der Mitteilung angesehen werden kann. Er optiert dafür, es nicht nur als Organ des einzelnen Menschen, sondern als Organ der sich bewusst verständigenden Menschheit zu begreifen.

1. Das Organ und die Organisation


Niemand, so denke ich, wird Einspruch erheben, wenn das Gehirn als Organ des menschlichen Körpers bezeichnet wird. Zweifel dürften hingegen aufkommen, wenn man eine wesentlich von diesem Körperteil getragene Leistung, nämlich das Bewusstsein, als Organ apostrophiert. Die Zweifel könnten schon darin ihren Anlass haben, dass gar nicht einzusehen ist, warum das Bewusstsein überhaupt als Organ angesehen werden soll. Beantworten wir diese Frage zunächst durch den Hinweis auf einen anderen Fall: Die Stimme eines Menschen wird gern und oft als sein Organ bezeichnet, obwohl niemand behaupten wird, sie sei sein Körperteil. Für Kehlkopf, Stimmbänder, Gaumen, Zunge oder Lippen, die sämtlich daran beteiligt sind, den Luftstrom zur Stimme zu verwandeln, gilt das sehr wohl. Sie gehören zum anatomischen Bestand des Körpers und erzeugen durch ihr Zusammenspiel den Laut, der eine Leistung, aber kein Teil des Körpers ist. Dennoch spricht man von der Stimme als einem Organ des Menschen. Das mag an der materialen Qualität der Stimme liegen, deren Stärke, Umfang und Reichweite physikalisch vermessen werden können. Dem Bewusstsein hingegen fehlt die stoffliche Eigenart, die es wenigstens im übertragenen Sinn zu einem Organ des Körpers machen könnte. Dennoch ist nicht einzusehen, warum nicht auch das Bewusstsein in eine solche Stellung einrücken sollte, zumal es, wie die Stimme, vorzüglich geeignet ist, nicht nur die biologische Eigenart des Menschen, sondern auch seine Individualität zum Ausdruck zu bringen. Organ kann nur etwas sein, was als mitwirkendes Element Anteil an der Organisation eines Organismus hat. Da Organismen körperlich verfasste Wesen sind, liegt es nahe, auch Organe für etwas physisch Gegebenes zu halten. Doch am Beispiel der Stimme zeigt sich, dass zumindest die alltäglich gesprochene Sprache nicht an diesem Kriterium gemessen wird. Dafür lassen sich gute Gründe nennen. Ein Grund liegt in der Tatsache, dass die Organisation eines Organismus nicht auf das einzelne Lebewesen beschränkt ist. Die Organisation bezieht auch andere Wesen mit ein, insbesondere die Angehörigen der eigenen Art. Insofern kann man alles, was die Verbindung im Gattungszusammenhang ermöglicht, als Organ bezeichnen. So ist es bei der Stimme, die wesentliche Aufgaben für die Verständigung zwischen den Artgenossen übernimmt. Ein Gleiches kann man über die Instinkte und Gefühle sagen, denn auch sie sind Verbindungsglieder in der Organisation des Lebens einer Gattung. Ohne sie lebten die Individuen, wenn überhaupt, auf einem anderen Niveau. Gesetzt, dieses Urteil trifft zu, kann man auch das Bewusstsein als eine Leistung des Gehirns bezeichnen, die für den Erhalt der Gattung nicht weniger wichtig ist als für den Lebensvollzug des einzelnen Individuums. Diese Leistung ist für die biologische, kulturelle und politische Organisation von erheblicher Bedeutung, so sehr uns Nietzsches Prognose zu denken gibt, die Menschheit werde an ihrem Bewusstsein, genauer: an ihren Erkenntnissen zugrunde gehen. Organe finden sich auch in hoch entwickelten Gattungszusammenhängen wie etwa in gesellschaftlichen Organisationen menschlicher Provenienz. So haben juristische Körperschaften in der Versammlung ihrer Mitglieder, in ihren Vorständen oder Aufsichtsräten Organe, die durch bestimmte Leistungen für die Gesamtheit der Organisation ausgezeichnet sind. Das ist ein zusätzliches Argument für das Verständnis von Organen als tätigen Teilen einer Organisation. Unter dieser Voraussetzung dürfte es möglich sein, das Bewusstsein als Organ im Gattungszusammenhang des Menschen anzusehen. Man braucht dann keine Erwägungen darüber anzustellen, inwieweit es möglich ist, ihm diesen Status bereits mit Blick auf den einzelnen Körper zuzuschreiben. Es sei nur erwähnt, dass es auch dafür Argumente geben könnte. So lässt sich die Stimme durchaus unabhängig vom interindividuellen Verständigungskontext als Organ eines Individuums bezeichnen. Sie ist etwas, das zu den körperlichen Funktionen gehört, ohne Teil des Körpers zu sein. Sie kann eindeutig zu den anatomisch-physiologischen Leistungen gerechnet werden, obgleich sie in ihrer Eigenart nur durch ihre nicht-physikalische Bedeutung erkannt werden kann. Sie steht daher dem Bewusstsein nahe, das ebenfalls nicht physisch ist und dennoch ohne die physiologische Aktivität des Gehirns nicht zustande kommt. Auch bei den Sinnen sprechen wir von deren Wahrnehmung oft so, als seien sie das körperliche Organ; tatsächlich aber sind die Leistungen des Sehens, Hörens oder Riechens gemeint1. Damit verstärkt sich die Erwartung, dass sich auch die mentalen Leistungen des Bewusstseins als Organfunktionen verstehen lassen.

2. Die Aufmerksamkeit als Beispiel


Gesetzt es gelingt, das Bewusstsein als Organ zu beschreiben und ihm damit den Status eines Mittels zuzuweisen, dann ist es in einen Kontext gestellt, der seinerseits näheren Aufschluss über die Eigenart und die Rolle des Bewusstseins geben könnte. Das verspricht vor allem dann einen Erkenntnisgewinn, wenn der Kontext nicht bloß physikalisch oder physiologisch ist. Wenn der Kontext gleichwohl etwas Reales ist, wenn er etwa in gesellschaftlichen Beziehungen besteht, kann man das Bewusstsein von dem Verdacht befreien, seine Immaterialität sei so gut wie nichts und lasse sich restlos in die ihr zugrundeliegende neuronale Aktivität auflösen. Gelingt es, die Leistungen des Bewusstseins aus oder in Lebensfunktionen zu erklären, ist ein entscheidender Schritt zum Verständnis des Geistes getan, der dann als eine Form der Beziehung begriffen werden kann, auf die lebendige Einheiten angewiesen sind, wenn sie sich mit Hilfe von jeweils vorgefundenen Teilen auf Ganzheiten beziehen, ohne die sie sich anderen Einheiten nicht verständlich machen können. Die zum Begriff des Lebendigen gehörende Rede von Einheit und Ganzheit setzt die physikalische Erklärung durch kausale Determinanten nicht außer Kraft. Von Organ kann man nicht sprechen, ohne die Einheit einer ganzheitlichen Organisation zu unterstellen; jeder Hinweis auf instrumentelle oder funktionale Leistungen setzt Effekte in einem einsichtigen Zusammenhang voraus. Zugleich aber zeigen eben diese Begriffe reale Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge an. Es muss tatsächlich etwas geschehen oder zumindest geschehen können, wenn es sinnvoll sein soll, etwas als Werkzeug anzusehen. Man klammert also die physikalischen Konditionen des Bewusstseins nicht aus, wenn man es als Teil eines organisch-technischen Realitätsgeschehens begreift, das im sozialen Kontext Aufgaben erfüllt, die für den Organismus als Ganzen von Bedeutung sind. Damit ist noch nichts darüber gesagt, welcher Art die Leistungen sind, die das Bewusstsein erbringt oder die mit ihm verbunden sind. Dazu müsste man sagen können, wozu das Bewusstsein eigentlich gut ist. Sagt man, dass Bewusstsein helfe, mit Verständigungsproblemen fertig zu werden, muss man bedenken, dass ein großer Teil dieser Verständigungsprobleme zu allererst durch das Bewusstsein entstehen. Hier haben wir eine ähnliche Lage wie in der Politik, die sich bekanntlich die meisten Probleme, zu deren Lösung sie antritt, erst selber schafft. Besonders groß ist die Erklärungsnot für jene, die sich an der romantischen Kritik des Bewusstseins orientieren. Für sie ist das Bewusstsein bekanntlich nur ein Hindernis bei der Entfaltung der Triebe und kann allenfalls als Resonanzraum der Gefühle Anerkennung finden. Gleichwohl wäre eben damit eine organanaloge Funktion benannt, die in der Verstärkung der Wahrnehmbarkeit von Gefühlen und in der Schwächung instinktiver Antriebe liegt. Eine weniger umstrittene Leistung des Bewusstseins dürfte darin bestehen, dass es Aufmerksamkeit erzeugt oder sie wenigstens mit sich bringt. Aufmerksamkeit, so kann es jeder erfahren (und sich bereits durch William James bestätigen lassen), ist wesentlich mit der Selbsterfahrung der eigenen Gegenwart verbunden, die der Mensch im Zustand des Bewusstseins erlebt2. Die Leistung mag man beurteilen wie man will: Man kann sagen, dass die Aufmerksamkeit zu jener allgemeinen Wachheit verhilft, die zur Teilnahme am sozialen Geschehen befähigt. Sie kann eine generelle Alarmierbarkeit zum Ausdruck bringen, aber auch die alles andere vergessende Konzentration auf ein Detail. Im Gegenzug kann man behaupten, dass die Aufmerksamkeit eine verstärkte Störanfälligkeit für sozial vermittelte Außenreize darstellt. Die Irritabilität des Menschen, die ihn für die sogenannte Reizüberflutung empfänglich macht, ist eine Folge seiner Fähigkeit zu unspezifischer Aufmerksamkeit. Doch wie immer die Bewertung ausfällt: Mit den Leistungen der Öffnung für einen nicht physisch abgesteckten Horizont, mit der periodischen Offenheit für eine Lebenslage überhaupt sowie mit der interessebedingten Ausrichtung auf ein spezielles Problem, erfüllt das Bewusstsein eine Funktion für den Organismus, die es sachlich rechtfertigt, es als „Organ" zu bezeichnen. Tatsächlich übernimmt das aufmerksame Bewusstsein Aufgaben in der Organisation des Verhaltens und wird im Erleben des Menschen als eine kontrollierende, korrigierende und koordinierende Instanz erfahren, die ihn befähigt, in Kombination verschiedener Eindrücke, in Erinnerung an bereits gemachte Erfahrungen, unter Einsatz des betreffenden Wissens sowie in der Aufnahme leitender Erwartungen Klärungen vorzunehmen, die Beratungen zu erlauben, Entscheidungen zu ermöglichen und rechtfertigende Gründe bereitzustellen. Man kann die Vermutung gar nicht abwehren, dass mit diesen Leistungen der Aufmerksamkeit, die hier nur ein Beispiel für Tätigkeiten des Bewusstseins sind, ein Vorteil für das Individuum verbunden ist. Wenn es Sinnesorgane hat, die ihm helfen, sich - nach den Bedingungen seiner physischen Konstitution - in seiner Welt zurecht zu finden, kann man in der Aufmerksamkeit auch die Leistung benennen, von den Sinneseindrücken Gebrauch zu machen, sie zu beachten, zu bedenken und in überlegtes Handeln umzusetzen. So wie der Mensch als ein verständiges Wesen beschaffen ist, das von sich selbst (zumindest dann, wenn es ihm selbst darauf ankommt) verlangt, achtsam, überlegt und behutsam zu sein, kann man die Aufmerksamkeit als eine Leistung seines Organismus ansehen, die ihm - nach Art eines besonderen Organs für Sachverhalte und Lebenslagen - in seiner Lebensbewältigung nützlich ist. Insofern ist das Bewusstsein, wenn auch hier nur am Beispiel der Aufmerksamkeit gezeigt, ein Organ des Individuums.

3. Bewusstsein als Organ der Mitteilung


Nach Nietzsche und Freud muss man nicht mehr betonen, dass im Bewusstsein nur ein kleiner Teil der Lebensvorgänge eines Individuums über die Schwelle der Aufmerksamkeit gelangt. Die körperlichen Vorgänge sind in der Regel nicht bewusst; vieles wird uns im Traum eher versteckt als eröffnet; selbst die Arbeitsweise unseres Bewusstseins vollzieht sich im Verborgenen. Gleichwohl präsentieren wir uns im sozialen Kontext nicht nur mit unserem Körper; wir begnügen uns auch nicht mit der Demonstration unserer zu erwartenden physischen Stärken und Schwächen, sondern stellen uns vielmehr mit Bewusstsein vor, nennen unseren Namen als sei in ihm alles umfasst oder stellen uns auf eine Bewerbung ein als hätten wir es in der Hand, was Andere von uns denken. In alledem ist es das Bewusstsein, dem wir uns in unserem Denken und Handeln anvertrauen. Man geht daher nicht zu weit, wenn man es als das Organ ansieht, mit dem wir uns in allen von uns selbst als wichtig angesehenen Aktivitäten präsentieren. Wir stellen uns in unserem Bewusstsein vor und tun dies mit den Mitteln, die uns die Vorstellungen dazu geben. Den seit Nietzsche und Wittgenstein so schlecht beleumundeten „Vorstellungen", den „Repräsentationen" unseres Bewusstseins, fällt dabei die Hauptrolle zu. Wittgenstein hat Recht, wenn er uns daran erinnert, dass Vorstellungen keine realen Sachverhalte sind und dass wir sie nicht nach Art gegenständlich verfügbarer Instrumente begreifen können. Die Vorstellung ist nicht die perspektivisch verkleinerte Wiederholung der Dinge im Kopf. Und dennoch ist nicht daran zu zweifeln, dass Vorstellungen eine für das Erkennen wesentliche Funktion erfüllen. Sie holen die Gegenstände zwar nicht in den Kopf hinein, aber sie transformieren eine sinnliche Wahrnehmung in das Format, in dem sie begriffen werden können. Und nur was begriffen ist, kann so wie es gemeint ist, auch mitgeteilt werden. Mentale Vorstellungen können daher als Repräsentanten der Ereignisse und Dinge angesehen werden, die unverzichtbar sind, wann immer Ereignisse und Dinge erkannt oder benannt werden sollen. Es sind Konfigurationen, vielleicht auch Zeichen, die den Übergang zwischen (sinnlich-konkreten) Wahrnehmungen auf der einen und (allgemeinabstrakten) Begriffen auf der anderen Seite ermöglichen. In dieser Eigenschaft sind sie zugleich auch immer Teile eines Ganzen, auf das sie stets mit verweisen, wenn sie etwas mehr oder weniger Bestimmtes anzeigen (vgl. Cassirer 1910). Daraus folgt im politischen Kontext ein enger Zusammenhang zwischen Partizipation und Repräsentation. Für die Theorie des Bewusstseins ist bedeutsam, dass Vorstellungen das, was sie präsentieren, nicht isolieren, sondern vielmehr integrieren - und zwar sowohl in die Welt, auf die sie verweisen, als auch im Verständnis des Individuums, in dem sie bewusst sind. Es handelt sich um ganzheitliche Eindrücke, die zwischen zwei Ganzheiten, der Welt und dem Individuum, vermitteln. Vorstellungen haben eine Brückenfunktion, indem sie den wechselseitigen Bezug zwischen Sachen und Begriffen herstellen und etwas physikalisch ganz und gar Unwahrscheinliches möglich machen: Sie erlauben, dass verschiedene Individuen, die unterschiedliche Positionen einnehmen, die mit ihren jeweils eigenen Sinnesorganen ausgestattet sind, ihr jeweils eigenes Gehirn zum Einsatz bringen - ein Gehirn überdies, das von jedem anderen Hirn nicht nur in Größe, Alter und Speicherkapazität, sondern auch in den gespeicherten Informationen deutlich abweicht, sich dennoch auf exakt denselben Sachverhalt beziehen kann. Wenn ich jetzt sage, dass wir uns augenblicklich im Einsteinsaal des Akademiegebäudes am Gendarmenmarkt befinden3, darf das als derart eindeutig gelten, dass jeder, der die Angabe für falsch hält, genau wissen kann, wie er sie widerlegt. Auch die Widerlegung gehört zu den einzigartigen Verständigungsleistungen, die nur ein Bewusstsein zustande bringt. Verstehen wir die Vorstellungen als die mentalen Vertreter der in den sachlichen Zusammenhängen der Welt gemeinten Dinge, dann ist das Bewusstsein die Bühne, auf der wir uns mit den von uns begriffenen Sachverhalten vorstellen. Es ist das Organ, das alles gegenüber uns selbst vertritt, und das uns zugleich als Person gegenüber anderen Personen repräsentiert. In diesem Sinn kennen wir auch die Rede von politischen Organen, die eine Menge von Menschen repräsentieren, um in ihrem Namen für die Erfüllung bestimmter Aufgaben zuständig zu sein.

4. Die Notwendigkeit des Selbstbezugs


Gesetzt in einem Vortrag würde dieses Ergebnis einer (zugestandener Maßen höchst beschränkten und bescheidenen) Funktionsanalyse des Bewusstseins vorgetragen, könnte man sicher sein, dass in der Diskussion an erster Stelle der Hinweis käme, dass wir uns keineswegs bloß auf Äußeres beziehen, sondern dass wir uns selbst in diesem fortgesetzten Prozess des stellvertretenden Vorstellens durch Vorstellungen betrachten. Wo also bleibt der Selbstbezug? Vielen scheint er nicht nur das Wichtigste zu sein; sie sehen in ihm sogar den „Grund im Bewusstsein" (vgl. Henrich 1992). Soweit würde ich nicht gehen, schon deshalb nicht, weil in diesem Kontext die Kategorie des Grundes problematisch ist. Weder hat das Bewusstsein einen Grund, auf dem es (wie auf einem Boden) sicher stehen kann, noch bedarf es einer rechtfertigenden Begründung, um so zu sein, wie es ist. Es ist, wie es ist, und wir haben in genauer Beschreibung zu erfassen, wie wir es mit seiner Leistung verstehen. Dabei gehört es als Selbstbewusstsein nicht nur dem Individuum, sondern zugleich allen zu, die sich in ihm verständigen. Selbstbewusstsein, um meine den Abschluss bildende These vorweg zu nehmen, ist immer auch das Organ der Menschen, die sich nur in ihm verständigen können. Folglich müssen wir am Ende sogar so weit gehen, es als Organ der Menschheit zu bezeichnen. Dabei ist allerdings zu betonen, dass ein Bewusstsein ohne Selbstbezug nicht gedacht werden kann. Jedes Bewusstsein ist Selbstbewusstsein. In jeder Mitteilung, die sich im Medium eines Bewusstseins vollzieht, teilt ein Individuum nicht nur etwas, sondern immer auch sich selber mit. Das Bewusstsein, das wir nur von uns selbst her kennen, ist von Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion gar nicht zu trennen und ich hoffe zeigen zu können, warum sie auf das Engste zusammengehören. Doch auch das, was zusammengehört, sollte man jeweils für sich betrachten können. Die epistemische Präsentation von Sachverhalten auf der Bühne des Bewusstseins als Voraussetzung einer exakten Mitteilung ist das eine, und die Selbstwahrnehmung einer solchen Leistungen ist das andere, auch wenn durch den mentalen Selbstbezug eines Organismus auf sich selbst erst dasjenige in Erscheinung tritt, das sich mitteilt. Und was sich mitteilt, ist ein sich auf sich selbst beziehendes Selbst. Ist das betont, muss man kein Missverständnis fürchten, wenn man feststellt, dass die Selbstpräsentation eines Menschen auf der Bühne seines Bewusstseins nur als ein Akt verstanden werden kann, der an Andere gerichtet ist. Das Bewusstsein ist extrovertiert. Es ist nach außen offen und an einen Anderen seiner selbst adressiert. Dabei gibt es die gleiche Abfolge wie bei der Betrachtung anderer Dinge: Wir nehmen in der Regel etwas wahr, von dem wir annehmen, dass es so ist, wie wir es benennen. Wir unternehmen zum Beispiel eine Reise in eine Stadt, in der wir sehen wollen, was schon viele andere Besucher beeindruckt hat. So gehen wir in Berlin nicht nur in die Museen und in den Tiergarten, sondern auch in das Foyer der Humboldt-Universität, um dort auf dem Marmor aus Hitlers Reichskanzlei einen halbstarken Spruch von Karl Marx zu lesen, der jeder Wahrheit entbehrt und vermutlich gerade deshalb so gerne zitiert wird. Doch Wahrheit hin, Wahrheit her: Jeder, der lesen kann, liest die 11. These gegen Feuerbach so, wie sie da geschrieben steht. Erst später, wenn er feststellt, dass er sie anders versteht als andere, kommt er darauf, dass er sie selbst auf eigentümliche Weise versteht, möglicherweise so, wie sie kein anderer begreift. So geht es auch mit den Sätzen und Taten, in denen wir uns auf der Bühne unserer Vorstellungen selbst vorstellen: Wir sehen uns zunächst mit den Augen, die im Prinzip auch alle Anderen haben, so unterschiedlich sie in ihrer Position, ihrer Sehschärfe und dem mit ihnen verknüpften visuellen Gedächtnis auch immer sein mögen. Wir haben Vorstellungen von den Dingen, die sich vor unseren Augen befinden, und geben mit Hilfe dieser Vorstellungen selbst Vorstellungen vor den Augen der Anderen. Was wir sagen und tun, geschieht mit der grundlegenden Absicht, es Anderen vor Augen und zu Gehör zu bringen - so wie ich jetzt zuerst und vor allen Dingen zu meinen Zuhörern spreche. Erst in zweiter Linie habe ich zu bedenken, dass ich mich dabei selbst wahrnehme und in der Beurteilung des ganzen Vorgangs vielleicht sogar feststellen muss, dass ich im ganzen Saal der einzige bin, der den Eindruck hat, einen guten Vortrag zu halten. Kurz: Wir haben den phylo-und ontogenetisch offenkundigen Umstand zu beachten, dass sich das Bewusstsein eines Menschen zunächst und vor allen Dingen an andere Menschen richtet, die - und dieser Punkt wird am Ende wichtig werden - ebenfalls über Bewusstsein verfügen. Das Neugeborne denkt sich nicht, dass es Schmerzen empfindet oder einen leeren Magen hat, sondern es schreit. Acht Monate später hat es nicht etwa so ein unbeschwertes Gefühl im Leib, an dem es die besorgten Eltern gern auch einmal mit einer freundlichen Äußerung teilhaben lassen möchte, sondern es lallt. Erst im weiteren Prozess der Reifung lernt das Kind allmählich das, was es („in" ihm selbst) zum Lallen oder Lachen bringt, mit eben den Wörtern zu benennen, von denen es im Austausch mit Anderen gelernt hat, dass sie Freude oder Vergnügen bedeuten. Tatsächlich aber haben die Eltern schon das erste Lallen als Ausdruck der Freude verstanden, obgleich aus dem sich weiter entwickelnden jungen Menschen eines Tages ein Philosoph oder Dichter werden kann, der ihnen klar machen könnte, dass sie gar nichts verstanden haben, weil er glaubt dartun zu können, dass seine („in" seinem Inneren) verspürte Freude sich von der Freude eines jeden anderen Menschen radikal unterscheidet. Wenn er dann in den radikal subjektiven Eindrücken des individuellen Bewusstseins die Bausteine zu erkennen glaubt, aus denen die mit Anderen geteilten objektiven Vorstellungen hervorgehen, kann er zum Theoretiker der sogenannten Qualia des Bewusstseins werden. Das ist ein schönes Theoriegebiet, das anspruchsvolle Aufgaben der Selbstbeschreibung bereit hält, aber nicht dazu verleiten sollte, die Qualia als das anzusehen, woraus das menschliche Bewusstsein ursprünglich besteht. Die Qualia, also die uneinholbaren Färbungen des jeweils eigenen Bewusstseins, sind ein ziemlich spätes und keineswegs für das Bewusstsein typisches Problem. Qualia sind nicht die Eigenschaften der ersten Elemente, aus denen sich in der Folge alles zusammensetzt, was das Bewusstsein ausmacht. Sie stehen nicht am biopsychischen Anfang des bewussten Erlebens, sondern sie stellen sich erst viel später ein, wenn sich die fraglose Objektivität des Bewusstseins situativ verliert und ein Mensch der Abweichung inne wird, die sein Erleben von dem der Anderen hat. Und wenn man für diese Abweichung eine individuell zutreffende Beschreibung sucht, erfährt man die Not, die an sich selbst erfahrene Einzigartigkeit des eigenen Eindrucks so zu beschreiben, dass sie allgemein mitteilbar ist. Dann sieht man sich genötigt, von Tönungen, Schattierungen, Mischungen, Überlagerungen oder Unschärfen zu sprechen, dann verliert sich zuweilen sogar die Eindeutigkeit der sinnlichen Zuordnung in Synästhesien und man steht vor der Unmöglichkeit, etwas Individuelles unter allgemeine Begriffe zu bringen. Individuum est ineffabile auch hier. Qualia sind das Unbeschreibliche in der Differenz des subjektiven Erlebens, das aber erst bewusst werden kann, wenn man in der Gewissheit der gemeinsamen Welterfahrung des die Menschen verbindenden Bewusstseins steht. Anders ist es mit dem Selbstbezug überhaupt. Ohne ihn bliebe offen, wer hier wem etwas mitteilen kann. Damit gäbe es zwar Informationsaustausch, damit auch Kommunikation oder Mitteilung, aber keine Verständigung im menschlichen Sinn. Was darunter zu verstehen ist, soll sich in der noch folgenden Überlegung zeigen.

5. Bewusstsein im Bewusstsein der Anderen


Im Blick auf die frühkindliche Entwicklung kann deutlich werden, dass der Mensch, sofern er nicht schläft, wesentlich um Ausdruck bemüht ist4 und dabei selbstverständlich davon ausgeht, dass er dadurch Andere erreicht, die den Ausdruck verstehen und nach Möglichkeit so reagieren, dass dies seinen Bedürfnissen und Erwartungen entspricht. Gewiss stehen nicht alle Lebewesen unter dem Primat des Ausdrucks. Aber beim Menschen, der wie kein anderes Tier für lange Jahre auf Schutz und Beistand durch seinesgleichen angewiesen ist, ist der Ausdruck essenziell. Was er tut, zeigt und sagt, ist auf das soziale Umfeld gerichtet, in dem er sich bewegt. Der Ausdruck teilt etwas mit und wenn das gegenüber seinesgleichen geschieht, erfolgt das in und aus der Position von seinesgleichen! Ich entschuldige mich für diese zirkuläre Behauptung. Aber sie kann deutlich machen, was „seinesgleichen" in Verständigungskontext bedeutet: In der Position des mitteilenden Gegenübers adressiert man den Anderen in einer Lage, in der man selber sein könnte und er kann das Mitgeteilte in seinem Gehalt nur verstehen, wenn er sich selbst in die Position des Anderen versetzt. Man muss sich wechselseitig gleich sein, wenn man eine Mitteilung genau machen und genau verstehen können soll, das heißt: wenn man sie in ihrer sachlichen Bedeutung verstehen können will. Also bleibt von der Vielfalt, die nicht nur in jedem Organismus gegeben ist, sondern auch in der Lage, in der er sich jeweils befindet, nichts übrig als das bloße Selbst, das sich jedem anderen Selbst in der sachhaltigen Aussage verständlich macht. Das „Ich denke", das nach Kant jede meiner Vorstellungen muss begleiten können, ist bei jedem Menschen gleich. Damit sind wir an einem für die Theorie des Bewusstseins entscheidenden Punkt: Ein Bewusstsein gelangt erst dadurch zur Klarheit seiner Aussagen, dass es sich auf das Ich des seiner selbst bewussten Individuums bezieht. Doch es ist falsch, daraus auf einen rein internen Bezug auf sich selber, gleichsam auf seinen eigenen Mittelpunkt, zu schließen. Denn das eingelagerte Ich bliebe für sich völlig bedeutungslos, wenn es sich in der Trägerschaft für seine Bewusstseinsinhalte genügte. Einen Sinn hat das Ich allein durch seinen Bezug zu einem Du, zu dem es spricht. Dieses Du aber gehört nicht nur zu einem Ihr oder Euch, sondern immer auch zu einem Wir, in welches das sprechende Ich selbst eingebettet ist. Ich und Du sind ebenso wie Er und Sie und Es Teile einer im Wir vereinigten Denk-und Sprachgemeinschaft. Nur in ihr ist es möglich, sich in exakter Weise auf das zu beziehen, was einzig Gegenstand einer Aussage sein kann, nämlich ein Sachverhalt, der etwas in der Welt bezeichnet, in der die Mitglieder der Gemeinschaft als sterbliche Individuen leben. Das Ich eines Bewusstseins ist somit ursprünglich auf anderes, ebenfalls von einem Ich begleiteten Bewusstsein ausgerichtet und bildet zusammen mit jedem anderen über sein Ich auf Sachverhalte bezogenen Bewusstsein eine Sphäre der Verständigung, die man nicht mit der Welt oder der Umwelt des Menschen gleichsetzen, wohl aber als Öffentlichkeit bezeichnen kann. Es ist der Raum, in dem das animal visibilis sich nicht damit begnügen kann, sich in Szene zu setzen und für jedermann sichtbar zu sein5, sondern es ist die allen menschlichen Leistungen geöffnete Sphäre, die das animal symbolicum benötigt6, um mit allem, was ihm auffällt, eine Bedeutung zu verbinden7.

6. Die öffentliche Sphäre der Bedeutung


Für den offenen Raum, der benötigt wird, damit alles für alle Bedeutung haben kann, gibt es einen einleuchtenden Begriff, der leider bis heute fälschlich immer noch ausschließlich mit der Politik assoziiert ist: Es ist der Begriff der Öffentlichkeit. Die Politik ist jedoch nur deshalb primär mit diesem Terminus liiert, weil sie die Öffentlichkeit in einzigartiger Weise benötigt und ihr daher einen Vorrang einräumen muss, obgleich er ihr regelmäßig unbequem wird. Die Politik braucht Öffentlichkeit, um sich bekannt zu machen, um für ihre Maßnahmen zu werben und um ihre Mittel und Ziele zu legitimieren. Erst durch sie bekommt die Öffentlichkeit, die zunächst nur das Medium für den Austausch von Meinungen ist (und erst dadurch zur Instanz der Erinnerung und Überprüfung wird), eine praktische Aufgabe, die mit dem Sinn der Organisation gesellschaftlicher Kräfte verbunden werden kann. Darin ist Öffentlichkeit politisch und kann nicht nur in Widerspruch zum ethischen Selbstverständnis einer gesellschaftlichen Ordnung, sondern auch zur herrschenden Macht geraten. So kommt es zu der paradoxen Situation, dass die auf Öffentlichkeit angewiesene Politik das stärkste Interesse hat, ihre eigenen Konditionen einzuschränken. Sie dringt auf Geheimhaltung zentraler Vorgänge, tritt als Zensurinstanz auf und sucht den der Öffentlichkeit vorgelagerten Bereich des Privaten zu überwachen. Daraus aber den Schluss zu ziehen, Öffentlichkeit sei selbst ein nur auf die moderne Politik beschränkter Begriff, gehört zu den gravierenden soziologischen Missverständnissen des 20. Jahrhunderts. Dazu musste man die antike und mittelalterliche Tradition der res publica ignorieren und alles beiseite schieben, was in der griechischen, phönizischen, altägyptischen und babylonischen Kultur die Entstehung der Kunst, der Schriftkultur, des Rechts, der Wissenschaft und natürlich auch der Politik ermöglicht hat. Öffentlichkeit überwölbt das kulturelle Dasein der Menschen, ohne dabei auf jeweils eine Kultur beschränkt zu sein. Sie ist die Sphäre, die dem Menschen eine die engen Grenzen von Raum und Zeit überschreitende Verständigung ermöglicht. Es gibt somit nach wie vor gute Gründe, den kulturell entwickelten Menschen als animal rationale zu bezeichnen, als das Tier, das seine Gründe hat. Diese Gründe aber kann es (selbst für sich allein) nur so erwägen, als würde es dies vor aller Augen und Ohren tun. Die Gründe, die ein Mensch vor sich und vor Anderen anführt, können nur dann als Gründe gelten, wenn sie einer öffentlichen Prüfung standhalten und somit auf allgemeine Geltung Anspruch erheben. Also ist das animal rationale implizit auf Öffentlichkeit ausgerichtet und kann, ausdrücklich in den Kontext der Kultur gestellt, als homo publicus bezeichnet werden. Homo publicus ist der Mensch, der sich mit Hilfe seiner technischen Leistungen soweit entwickelt, dass sich seine Natur nur im Rahmen einer selbst geschaffenen Kultur entfalten kann (vgl. Gerhardt 2008a). Erst in einer Kultur gibt es sachhaltig geordnete und arbeitsteilig gegliederte Beziehungen zwischen selbstbewusst tätigen Individuen, die einen Verständigungsraum benötigen, in dem sie sich über gemeinsame Aufgaben in Kenntnis setzen können. Erst in der großräumigen Teilung von Aufgaben tritt die Organisation des Gemeinsamen als bewusste Leistung hervor, die eine allgemeine Kenntnisnahme nötig macht. Also kommt es erst in einer nach Zuständigkeiten gegliederten Kultur zu einem problem- und wahrheitsbezogenen Verständigungsbedarf, der die Öffentlichkeit konstituiert. Die Öffentlichkeit aber wird ihrerseits benötigt, um die Vordringlichkeit allgemeiner Tätigkeiten auszuweisen, für deren Anleitung sich dann die Politik empfiehlt. Gesetzt, es sind die politischen Institutionen, an denen der bereits zu sachhaltiger Begrifflichkeit, technischer Produktion und Arbeitsteilung fähige Mensch sein personales Selbstverständnis orientiert; gesetzt, es ist die gegliederte Gemeinschaft von kooperationsfähigen und partizipationswilligen Wesen, in der sich ein Begriff jener Anderen bildet, mit denen eine auf Einsichten und Gründen beruhende Verständigung möglich ist, dann ist es eine bereits unter dem Schirm der Öffentlichkeit stehende Kultur, in welcher der Mensch zu seiner personalen Verfassung findet. Dann kann er homo publicus genannt werden: Das ist das Wesen, das sich selbst nicht anders als im Licht seiner allgemein gewonnenen Einsichten begreifen kann. Für dieses Wesen hat das Bewusstsein eine Funktion, die nicht auf es selbst beschränkt ist. Zwar hat jedes Individuum nur sein - durch das Ich singulär bezeichnetes - Bewusstsein. Mehr noch: Bewusstsein gibt es nur in dieser Bindung an das jeweilige Ich. Dennoch besteht das ichgebundene Bewusstsein wesentlich darin, bei etwas Anderem zu sein - und dies so, dass jedes andere (ebenfalls ich-gebundene) Bewusstsein es ebenso erfassen können sollte. Das Ich-Bewusstsein bewegt sich auf der Weltbühne gemeinsam erkannter Sachverhalte vor einem Publikum aus lauter ich-bewussten Wesen, die es insgesamt nicht als „Sie" oder „Ihr", sondern als „Wir" begreift. Tatsächlich rechnet sich das „Ich" in seinem Selbstbewusstsein dem „Wir" aller möglichen Anderen zu. Das geschieht längst bevor es nach enttäuschenden oder beglückenden Differenzerfahrungen die Anderen als „Ihr" oder „Sie" apostrophieren kann. So ist das - wohlgemerkt: stets nur mit einem konkreten Ich verbundene - Bewusstsein der originäre Ort eines ursprünglichen Wir, das es nur in der Form des alle verbindenden Einzelbewusstseins gibt. In ihm erfährt das Ich jeden Begriff eines Sachverhalts so, als teile es ihn mit allen Anderen, die ihn ebenso begreifen, wie der Sachverhalt (als Sachverhalt) wirklich ist. Deshalb erfährt sich das Bewusstsein so, als gehöre es allen Wesen zu, die anderes von Anderen ebenso begreifen wie es selbst. Damit wird es bereits vom selbstbewussten Ich als Organ aller bewussten Wesen begriffen. Konkret gesprochen: In seiner erkennenden und in der Erkenntnis zugleich mitteilenden Form erscheint das Bewusstsein als Organ der Menschheit.

7. Welt im Horizont aller Menschen


Mit Blick auf die Reichweite der Bedeutung menschlicher Aussagen war es eine Weile lang üblich von „Internalismus" zu sprechen. Er behauptet die geltungslogische Unabhängigkeit der mentalen Gehalte von der Außenwelt und ist, wie der ältere epistemische Skeptizismus, genötigt, sich überhaupt erst einen „Zugang zur Welt" zu eröffnen8. Die kriterien-und kohärenztheoretischen Argumente für diese Position sind beachtlich; sie haben in den sogenannten „Interpretationisten" der Gegenwart beredte Anwälte9. Dennoch liegt in der Position des Internalismus ein performativer Selbstwiderspruch. Die Theorie sieht nämlich darüber hinweg, was bereits in der bewussten Argumentation für sie geschieht, wenn denn die Argumentation erfolgreich sein können soll: Sie tritt aus dem Selbstbezug auf ein Ich heraus und geht im Begreifen eines Sachverhalts (und sei es nur des sogenannte „Internalismus") über sich derart hinaus, dass sie augenblicklich - mit dem gemeinten Sachverhalt - bei den adressierten Anderen ist. Internalismus, Interpretationismus und Idealismus, so recht sie darin haben, die logische und semantische Eigenständigkeit der Inhalte des Bewusstseins ernst zu nehmen, verkennen die Natur des Bewusstseins. Sie überschätzen die Selbstbezüglichkeit und verkennen, dass sich das Bewusstsein gerade in seinem Bezug auf sich selbst ursprünglich auf Andere seiner selbst bezieht und dass dies nur mit Gehalten gelingt, in denen sich das Bewusstsein eines Sachverhalts bemächtigt hat. Bewusstsein ist ein Selbstbezug unter der Kondition des konstitutiven Fremdbezugs auf anderes und Andere. Es ist die äußerste, weil auf die Welt als ganze bezogene Extravaganz des menschlichen Organismus, die er nur in enger kommunikativer Verflechtung mit seinem sozialen Umfeld zu entfalten vermag10. In der Struktur des Bewusstseins bildet der Organismus nach, was für seine Innen-Außen-Relation ohnehin bestimmend ist. Denn in allem, was ihn ausmacht, arbeitet er sich an seiner Umwelt ab. Sein physiologisches Inneres baut er im Stoffwechsel mit der Umgebung aus, an die er alles, was als seine Lebensleistung angesehen werden kann, wieder zurückgibt. Wer das erkennt, braucht sich vom epistemischen Skeptizismus, vom radikalen Solipsismus, ja, selbst vom moderaten Idealismus nicht länger irritieren zu lassen. Denn alle diese „-ismen" setzen eine autistische Binnensphäre des Selbstbewusstseins voraus, so als ließe es sich ohne konstitutiven Außenbezug denken. Tatsächlich aber ist das sich selbst einsichtige „Innere" nicht nur in allen seinen sachlichen Gehalten auf die Verbindung mit der Außenwelt gerichtet; es ist bereits in seiner Arbeitsweise auf die agonale Grundstruktur des Gegenstandsbezugs angewiesen, in der es sich unablässig gegen ein Anderes seiner selbst zu behaupten hat. Auch darin zeigt sich, wie sehr das Bewusstsein nach Art eines Organs fungiert, das seinen empirischen Ort im Gesamtzusammenhang des lebendigen Organismus hat (Gerhardt 2008b). Es ist das Organ der Welterschließung, das in seiner Öffnung gegenüber anderem und in seiner sachhaltigen Hinwendung zu Anderen genötigt ist, sich von bloßen Sachverhalten abzusetzen und sich zugleich mit ihrer Hilfe in der Mitteilung gegenüber Anderen zu behaupten. Ein Bewusstsein, das an Sachverhalten zu sich selber kommt, die es mit seinesgleichen teilt, muss seinen Selbstbezug exponieren, wenn es sagen können will, woher es etwas weiß. Es betont seinen (stets relativen) Ausgangspunkt im Selbst, obgleich es seine Geltung allein in den Sachverhalten hat, die es mit anderen teilt. Die Welterschließung verlangt somit nach Selbstbehauptung, wenn in der Öffnung für anderes und Andere, welche in ihrer Gesamtheit das Ganze des Daseins ausmachen, der individuelle Ausgangspunkt nicht verloren gehen soll. Desgleichen ist die Abgrenzung gegenüber den Anderen nötig, weil in der mit jedem Ausdruck erfolgenden Ausrichtung auf sie, das Gemeinsame derer, die sich verständigen, hervorgehoben wird. Die in der Verständigung unterstellte Gleichheit der Partner darf jedoch die Einzigartigkeit des sich mitteilenden Individuums nicht zum Verschwinden bringen. Individuelle Abgrenzung ist nicht mit Ausschließung der Anderen zu verwechseln. Das Individuum ist auf seinesgleichen derart angewiesen, dass es auf den Anderen noch nicht einmal in seiner Selbstreflexion verzichten kann. Im Selbstgespräch adressiert es sich selbst nach Art eines Gegenübers und illustriert darin, wie tief die Soziomorphie seines Bewusstseins reicht. Der Andere ist bereits der Prototyp des Gegenstands, aus dem der sachliche Gehalt der Mitteilung für Andere wird. Alles im Bewusstsein ist von dieser Transposition des personalen Anderen in das sachliche Andere bestimmt, die auch in die Gegenrichtung erfolgen kann. So muss das Bewusstsein aus allem, was in seinen Horizont gelangt, einen Gegenstand seiner Erfahrung machen, der dem erlebenden Ich in der gleichen Weise gegenübersteht, wie er jedem Anderen gegenüberstehen kann. Sogar im rein auf sich bezogenen Selbstverhältnis muss das Ich aus sich selbst ein Objekt machen, um sich derart auf sich selbst beziehen zu können - so als stehe das Ich dem eigenen Ich wie einem Gegenstand gegenüber.

8. Weltoffenheit des Menschen


Bewusstsein ist unzureichend illustriert, wenn man es als einen Strahl von Aufmerksamkeit beschreibt, der vom Ich auf ein mehr oder weniger weites Feld von Gegenständen gerichtet ist. Das „Scheinwerfermodell" (Popper) vermag bestimmte Leistungen der Konzentration und der genauen Beobachtung anschaulich zu machen. Doch seine Grenze hat es in der isolierenden Beschränkung auf das Ich und seinen Gegenstand. Wesentlich am Bewusstsein ist, dass sich in ihm der Organismus viel weiter öffnet, als es durch die Sinne geschieht. Er wird offen gegenüber ganzen Handlungslagen, kann Gegenstände zugleich mit ihrer Rückseite und ihrem Inneren erkennen und kann Dinge und Ereignisse in ihrem Kontext erfassen. Dazu gehören auch die Personen, die mit ihren Ansichten und Absichten immer schon anwesend sind und die mitsamt ihrer sachhaltigen Stellung zur Welt verstanden werden. Vor allem aber vermag das Bewusstsein Sachverhalte zu erfassen, die allen Menschen einsichtig sind. Um sich klar zu machen, was es mit diesem allen Menschen möglichen Zugang auf sich hat, ist es nicht damit getan, das Bewusstsein als ein Organ zu bezeichnen, mit dessen Hilfe jeder die Chance hat, alles zu besichtigen, was in der Welt geboten wird. Denn es ist nicht allein der Zugang zu dem, was gewusst, gedacht und beurteilt werden kann. Wäre es nur das, könnte bereits der Vergleich mit einer Taschenlampe veranschaulichen, was das Bewusstsein für jeden leistet. Dem anspruchsvollen Zeitgenossen, der die Priorisierung optischer Metaphern beargwöhnt, könnte man den Audioguide aus dem Museumsshop zur Illustration anbieten. Doch in beiden Vergleichen ist das Bewusstsein auf die Leistung des individuellen Zugangs beschränkt. Übersehen wird, dass sich im Bewusstsein nicht nur das klärt, was man selbst entdeckt, sondern dass sich in ihm augenblicklich die Verbindung herstellt, zu der man im Bewusstsein zu allen möglichen Anderen steht. Bewusstsein ist diese Verbindung. Es ist die Präsenz, in der sich einer im möglichen Zusammenhang mit allen möglichen Anderen bewegt. Mehr noch: Es ist der im Augenblick erfasste Teil der Welt vor dem Hintergrund des mit erfassten Ganzen in einer Vorstellung, die ihre Bedeutung darin hat, dass ihr alle beiwohnen könnten, um als Gesamtheit das zu realisieren, was sich aktuell nur einem Teil darbietet. Das Bewusstsein vertritt die Welt vor einer begrenzten Zahl von Menschen, die in der Erkenntnis wissen, dass sie selbst ein Teil aller jener sind, welche ebenfalls disponiert sind, die Erkenntnis zu haben. Im Bewusstsein ist man prinzipiell bei jedem bewussten Anderen. Diese Eigenart des Bewusstseins wird wiederum nur unzureichend veranschaulicht, wenn man sie in ein Modell übersetzt, gegen das der Zeitgeist gewiss weniger allergisch ist: Das Bewusstsein, so könnte man sagen, ist nicht allein der Terminal, von dem jeder in seiner Einsicht auszugehen habe, sondern es ist das Network, in dem sich alles bietet. Zutreffend erfasst ist das Bewusstsein als Horizont, der alles umschließt, was erkannt werden kann, und der jeden augenblicklich zusammen mit allen Anderen - angesichts des Erkennbaren überhaupt - umfängt, sobald er erkennt. Möglich ist das, weil Vorstellungen jeweils exemplarische Teile eines Weltganzen sind, für das der Mensch selbst exemplarisch ist.

9. Die Menschheit als Publikum


Zur Illustration der einzigartigen Fähigkeit des Bewusstseins, alles so zu vergegenwärtigen, dass es von allen begriffen werden kann, dürfte das schlichte Modell des offenen Raums geeignet sein, in dem sich das selbstbewusste Individuum mit seinesgleichen zu einem Publikum versammelt sieht. In ihm steht das Bewusstsein eines jeden, das mit dem Bewusstsein eines jeden Anderen so ursprünglich wie sachhaltig verbunden ist, dem Ganzen der Welt gegenüber, zu der es selbst gehört. Im offenen Raum der Welt wird an dem erkannten Teil der Welt exemplarisch, was für das Ganze der Welt von Bedeutung ist; es wird von einem Teil der Menschen exemplarisch für alle Menschen bewusst, die sich selbst als Teile der Welt verstehen. Damit vollzieht sich alles Erkennen in einem öffentlichen Raum, in dem der Mensch sich als Publikum des Welttheaters begreift, das niemals bloß für ihn persönlich aufgeführt wird und von dem er weiß, dass es für alle Bedeutung hat. Das Bewusstsein, so kann man den schwierigen Sachverhalt auch umschreiben, behält nichts für sich; es ist auf den Austausch von Eindrücken angelegt, die als Ausdruck allen offenstehen. Etwas im Bewusstsein zu haben, heißt, etwas in einer Form zu haben, die für jeden zugänglich ist. Das Paradoxe daran ist, dass es in dieser Universalität nur in einem Individuum zur Verfügung steht. Bewusstsein ist das Organ des einzelnen Menschen, mit dem er am Organ der Menschheit partizipiert. Was immer dem Individuum bewusst wird, wird in dieser Bewusstheit allen offeriert. In dem Augenblick, in dem ein Ich auf der Bühne seines Bewusstseins erscheint, tritt es vor alle möglichen Anderen hin. Wenn es einen Sinn ergibt, von einem Welttheater zu sprechen, dann gebührt dieser Titel dem individuellen Bewusstsein. Nur in ihm kann allen alles geboten werden. Man kann die Blickrichtung aber auch umkehren und sagen: Das Bewusstsein des Einzelnen ist bereits das Publikum für das Ganze. In nüchterner Rede kann man sich damit begnügen, den Bewusstseinsinhalten den Status von Mitteilungen zu geben, die von einem Selbst nur verstanden werden, sofern sie auch von Anderen verstanden werden können. Sie sind ihrer Verfassung nach nicht auf das einzelne Bewusstsein beschränkt. Es gibt nicht den geringsten Sinn, sie als „privat" zu bezeichnen, weil sie ihrer Natur nach öffentlich sind. Sie bedeuten stets etwas in der Welt, in der sich notwendig jeder Andere befindet, der über die Welt in seinem Bewusstsein mit Anderen derart verbunden ist, dass er sie als seinesgleichen erfährt. Mit Blick auf das prominenteste Produkt des Bewusstseins, nämlich das Wissen, kann man schließlich von einem universellen Status sprechen. Wer Wissen hat, ist mit jedem, der es ebenfalls hat, in der Sache, die er weiß, direkt verbunden. Nur wer nicht über das Wissen verfügt, kann ausgeschlossen werden. Das ist die Wahrheit in der viel zu früh vergessenen Parole: „Wissen ist Macht".

10. Prozedurale Gleichheit im öffentlichen Raum


Im Bewusstsein öffnet sich ein Individuum, indem es etwas weiß und davon die Kenntnis gibt, die es in seinem als eigenständig begriffenen Wissen hat. Gleichwohl bleibt es richtig, dass es vom sachlichen Gehalt der Welt stets nur etwas im Modus seines eigenen Bewusstseins erfährt. Deshalb hat ein bewusster Zustand immer auch den Status der Selbstinformation oder besser: der Selbsterkenntnis. Doch diese Selbsterkenntnis ist immer zugleich die einzig erreichbare Aufklärung über die Welt, zu der sich das Individuum mit seinem Bewusstsein rechnet. Selbstkenntnis basiert auf Weltkenntnis und umgekehrt. In beiden Hinsichten begreift sich das Individuum als Tatbestand im sachhaltigen Geflecht des Daseins, in welchem es sich mit seinesgleichen befindet. Ja, darin hat es - trotz der zwischen allen Individuen und Situationen bestehenden Unterschiede - seine Gemeinsamkeit mit allen Anderen. In dem sich mitteilenden Akt des eigenen Bewusstseins ist das Individuum allen anderen Individuen gleich. Im offenen Raum des Bewusstseins haben alle dieselbe epistemische Funktion. Darin hat die rechtlich-politische Gleichheit der Bürger ihr reales Fundament. Die brachiale Konstruktion des Thomas Hobbes, nach der die Gleichheit der Menschen darauf beruht, dass jeder jeden töten kann, mag, wie vieles, das von diesem Autor stammt, auf sich beruhen. Mit einem nicht durch den Bürgerkrieg verzerrten Blick kann man feststellen, dass die Menschen bereits in ihrer Stellung zum Wissen gleiche Ausgangspositionen haben. Man braucht lediglich davon auszugehen, dass die Bürger Lebewesen sind, die sich unter den Bedingungen eines gemeinsam geteilten Wissens bewegen, dann sind sie nicht nur in ihren leiblichen Bedürfnissen, sondern auch in ihren geistigen Leistungen aufeinander bezogen. Und in diesem Bezug vertreten sie als Wissende prinzipiell die gleiche Stelle. Sofern einer Wissen erwerben und weitergeben kann, vermag er die gleiche Funktion zu erfüllen, wie jeder andere, der damit umso stärker als seinesgleichen gelten kann. In Aussehen, Körperkraft und Lebensalter weisen die Menschen große Unterschiede auf. Auch die gleichmachenden biologischen Parameter der Natalität und Mortalität, der Sexualität, der Sensibilität, der Vulnerabilität und der Fähigkeit zur Fortpflanzung lassen genügend Spielraum für die individuelle Differenzierung zwischen den einzelnen Exemplaren. Die Abweichungen steigern sich mit dem Einsatz der (ebenfalls zur Sphäre des Bewusstseins gehörenden) Gefühle und einmal mehr durch den Gebrauch des Verstandes. Deshalb ist es alles andere als falsch zu sagen, dass die emotionalen und intelligiblen Leistungen des Menschen seine Individualisierung fördern. Dennoch ist er durch seine strukturelle Einbindung in die Prozesse des bewussten Umgangs mit der Welt auf gleiche Zugänge zur Erfahrung überhaupt, durch gleiche Verfahren der logischen Bearbeitung sowie auf und durch die Gleichheit der alle bewussten Individuen einschließenden Verbindlichkeit von Schlussfolgerungen und Gründen auf Isomorphie verpflichtet, sofern er überhaupt erkennen, denken und mit seinesgleichen argumentieren kann. Auf diese prozessuale Gleichheit im bewussten Umgang der Menschen mit sich und der Welt ist das Gleichheitspostulat der Moral und der Politik begründet11. Die Öffentlichkeit im Horizont des Wissens ist der universelle Raum, in dem sich die immer auch moralisch wertende Sphäre politischer Öffentlichkeit bildet12.

11. Bewusstsein als soziales Organ


Die oft beschriebene Beobachtungs-und Reflexionsdistanz des Selbstbewusstseins verführt manchen Theoretiker noch heute dazu, in unendlicher Iteration die Tiefe des Ich-Bewusstseins auszuloten, um dort den Grund des Seins zu suchen. Tatsächlich aber ist die Unfähigkeit des Bewusstseins, etwas anders als unter Aufspaltung in Subjekt und Objekt wahrnehmen und erkennen zu können, Ausdruck der genuin sozialen Anlage des Bewusstseins, das sich zwar stets um ein individuelles Selbst zentriert, dazu aber nur in einer gesellschaftlichen Konstellation in der Lage ist. Das Bewusstsein kann sich einem Sachverhalt nur unter den Strukturbedingungen nähern, denen auch jedes andere Bewusstsein untersteht. Dabei kann es sich zwar schon im Zugang und im Ergebnis irren. Doch bei seiner Aufmerksamkeit für den betreffenden Sachverhalt ist es stets auf dieselbe Grundkonstellation des Gegenstandsbezugs verpflichtet. Es arbeitet wie jedes andere Bewusstsein auch. Das stützt die These vom Organstatus des Selbstbewusstseins, denn hier ist etwas in immer der gleichen Weise tätig - allerdings nicht nur für das sich verständig mitteilende Individuum. Die spezifische Funktion des Bewusstseins macht es vielmehr zu einem Organ der Gemeinschaft von Individuen, die sich nicht nur mit ihm, sondern immer auch in ihm verständigen. Damit ist das Bewusstsein immer auch das Organ der Sozialität, deren Mitglieder sich mit und in ihm einig sein können. Was das heißt, ist im Folgenden wenigstens anzudeuten13. Jedes mit Bewusstsein ausgestattete Selbstbewusstsein ist in dem, was es empfindet, fühlt oder denkt, auf gegenständlich verfasste Sachverhalte ausgerichtet, die jedem anderen Bewusstsein in der prinzipiell gleichen Stellung begegnen. Allein in seiner Referenz auf das Etwas eines Sachverhalts kann sich ein Bewusstsein einem anderen Bewusstsein öffnen. So unterschiedlich die Erlebnisse und Erfahrungen, der Stand des Wissens und die Leistungen von Gedächtnis und Urteilskraft auch sein mögen: Die Öffnung des Bewusstseins des Einen gegenüber dem eines Anderen erfolgt gegenüber einem prinzipiell gleichen Bewusstsein. Selbst bei denkbar unterschiedlichen empirischen Ausgangspunkten erfolgt die Verständigung unterschiedlicher Individuen stets in ein und derselben Form des Bewusstseins, das folglich eine soziale Größe ist. Es umfasst alle Individuen einer Gemeinschaft, die in der Lage sind, sich untereinander über gemeinsame Erfahrungen, Probleme und Aufgaben zu verständigen. Diese in ihrer epistemischen Reichweite noch längst nicht ausgeschöpfte Einsicht entdeckt uns das Bewusstsein nicht nur als ein Organ der Repräsentation der Person vor anderen Personen, die sich allesamt in ihrem Bewusstsein vorstellen. Es ist vielmehr immer auch das Organ der in der möglichen Mitteilung verbundenen Menschen. Damit ist es nicht mehr bloß individuell, sondern es ist das alle verbindende Organ einer Gemeinschaft von Menschen, die sachbezogen miteinander umgehen können. Wenn aber das Organ jedem Teilhaber die Chance eröffnet, seiner Welt in der gleichen Weise gegenüber zu stehen wie jeder andere auch und dabei zu denselben Anschauungen und Begriffen ihrer Welt zu gelangen, muss man aus der sozialen Funktion auf den sozialen Status dieses Organs schließen. Jedes Individuum partizipiert mit seinem Selbstbewusstsein an dem Bewusstsein der Anderen, mit denen es kommunikativ verbunden ist. Das ist gewiss ein befremdlicher Gedanke, der sofort die Frage nach sich zieht, „wo" denn dieses allen gemeinsame Bewusstsein ist. Doch die Antwort ist schon mit der Frage gegeben, sofern jemand glaubt, dass die Frage verständlich ist: Der „Ort" des alle verbindenden Bewusstseins liegt eben dort, wo auch die Sprache ist, die allen Angehörigen einer Gemeinschaft gemeinsam ist, obgleich es keine allen gemeinsame Stimmbänder, Zungen oder Lippen gibt. Gleichwohl gibt es die Sprache im Vollzug ihrer Äußerung, genauer: in der Realisierung ihrer Leistung. Die aber besteht weder in den akustisch ausgetauschten Wörtern noch in den Zeichen der Schrift, sondern in der erfolgenden Verständigung, also in der Tatsache, dass sich die Menschen im Sprechen verstehen. Bewusstsein also ist die Funktion, die der sprachlichen Verständigungsleistung zugrunde liegt. Und in dieser Funktion ist sie das Organ der Sprachgemeinschaft, in der es benötigt wird.

12. Bewusstsein als Organ der Menschheit


Betrachten wir den Sachverhalt abschließend noch einmal von einer anderen Seite: Im Bewusstsein macht das Individuum aus allen Vorkommnissen seines Erlebens einen möglichen Sachverhalt in der Welt, über den es sich mit jedem anderen Bewusstsein deshalb sachhaltig verständigen kann, weil es ihm in der gleichen Verfassung gegenübersteht. Es ist somit ein Bewusstsein, in dem sich alle verständigen. Es ist ein sozial verfasstes Bewusstsein, zu dem allerdings so viele individuelle Zugänge möglich sind, wie es Individuen gibt. Um genau zu sein: Zum kollektiven Bewusstsein gibt es so viele Zugänge wie es Situationen gibt, in denen sich Individuen bewusst auf ihresgleichen beziehen. Für dieses der Gesamtheit bewusster Wesen zugehörende Organ ist die Welt die Gesamtheit dessen, was mitgeteilt werden kann. Die Welt ist das Insgesamt aus Sachverhalten, dem sich alle in prinzipiell der gleichen Weise, nämlich bewusst, begegnen können. In ihrer beobachtenden und erkennenden Distanz zur Welt sind alle selbstbewussten Individuen ursprünglich miteinander verknüpft. Deshalb kann man das Bewusstsein auch als die Instanz begreifen, in der die Menschen im Begriff von Sachverhalten objektiv verbunden sind. Damit wird deutlicher, warum wir das Bewusstsein nicht nur als Instanz des Individuums, sondern der Gesellschaft als Ganzer zu begreifen haben: Es ist die alle verbindende Sphäre des Meinens und Wissens, die in den Leistungen der Öffentlichkeit selbst eine gesellschaftliche Form annimmt. Das geschieht im Rahmen der menschlichen Kultur. In der durch sie möglichen Politik erlangt die Öffentlichkeit insofern eine prägnante Form, als die Politik der Versuch ist, das Zusammenleben von Menschen auf die ihnen gemeinsamen bewussten Einsichten zu gründen. In diesem Versuch, der aus eigener Logik darauf ausgerichtet ist, alle Betroffenen als freie und gleiche Individuen für die Partizipation am gemeinsamen Handeln zu bewegen, wird die Öffentlichkeit als eine Grundbedingung des Politischen erkannt. Sie erzeugt das für das koordinierte Handeln erforderliche gemeinsame Wissen, erlaubt die allen zugängliche Prüfung der Wahrheit der behaupteten Aussagen und, was das Wichtigste ist, sie ermöglicht es dem Einzelnen als selbstbewusstes Individuum Teil eines praktisch wirksamen Ganzen zu sein. In dieser Funktion bedarf sie der schützenden Maßnahmen durch die Politik, deren Agenten im Machtkampf - je nach Lage der Dinge - ein Interesse daran haben, die Einschränkung der Öffentlichkeit zu begünstigen oder aber ihre Ausweitung zu fordern. In der Politik hat die Öffentlichkeit die Bedeutung einer materialen Äußerung. Sie wird dadurch hergestellt, dass etwas faktisch vor allen Anderen ausgesprochen werden kann. Öffentlichkeit fällt hier mit Publizität zusammen. Das ist bei der Öffentlichkeit, auf die Wissen und Handeln gegründet sind, anders. Hier ist sie die Sphäre der Geltung der Argumente, die eigene Handlungsgründe stützen. In ihr hat man so zu argumentieren, dass jeder jedes Argument prüfen und für gut befinden könnte, und jeder hat technisch so zu handeln, dass jeder mit ihm kooperieren oder an seine Leistungen anschließen kann. Dort, wo sich der Wahrheitswert einer Aussage nicht augenblicklich überprüfen lässt, ist das Wort durch die Vertrauenswürdigkeit der Person zu verbürgen. Sie muss ihrem Gegenüber offen in die Augen schauen können. So wird, kurz gesagt, aus einer funktionalen Kondition des Denkens und Sprechens der normative Anspruch an jeden, der unter den Bedingungen allseitiger Verständigung ein geachtetes Individuum sein und bleiben möchte. Hier gewinnt die Rede vom Bewusstsein als Organ der Menschheit ihren vollen Sinn: Es ist nicht nur das Instrument, mit dem sich der Mensch als Mensch mit seinesgleichen so verständigt, dass er im Bewusstsein ihrer Verbindung denken und sprechen kann. Das Bewusstsein ist auch das Organ, in dem sich die Menschheit erhält, sofern es dem Menschen gelingt, so zu handeln, dass die Menschheit in seiner Person exemplarisch wird.

13. Offene Fragen


Zwei Probleme bleiben vorerst offen, die eng mit einander verbunden sind: Das erste betrifft die Subjektivität des Bewusstseins und das zweite die offenkundige Fähigkeit des Bewusstseins, etwas für sich behalten zu können. Wer ein Geheimnis bewahrt, hält es bewusst zurück. Hier scheint sich ein eklatanter Widerspruch zur These von der Öffentlichkeit des Bewusstseins aufzutun. Der Widerspruch löst sich auf, wenn wir erkennen, dass wir mit dem Bewusstsein wie mit einem Organ umgehen, das wir in Tätigkeit oder außer Kraft setzen können. Nehmen wir das beweglichste unserer Sinnesorgane, das in seiner Anlage und in seiner Leistung dem Bewusstsein evolutionsgeschichtlich am nächsten steht, nämlich das Auge: Was immer wir über seine erstaunlichen Fähigkeiten sagen, bezieht sich auf den geöffneten Zustand, auch wenn sich manches über die Effekte sagen lässt, die sich bei geschlossenen Augen einstellen können. Doch jeder weiß, dass wir die Augen auch schließen können. Und wir tun dies nicht nur, wenn wir müde sind oder uns geblendet fühlen. Wir haben uns als Kinder mit geschlossenen Augen hingestellt und „Such mich" gerufen. Als Kinder haben wir uns gelegentlich auch schlafend, manchmal sogar tot gestellt. Dann waren die Augen fest geschlossen und es sollte uns niemand anmerken, dass wir bei Bewusstsein sind. Wer dabei so beherrscht war, dem Kitzeln zu widerstehen, hatte die besten Chancen, als ziemlich tot zu gelten. Die Erinnerung an das Kinderspiel zeigt, dass wir unser Bewusstsein mit Bewusstsein verbergen können. Wir müssen nicht alles sagen und brauchen auch nicht alles zu erkennen zu geben. Wie beim Auge, mit dem wir uns einigen optischen Reizen öffnen, anderen aber auch verschließen, weil sie schmerzhaft oder störend sind, ist unser Bewusstsein in Grenzen steuerbar14. Wir können anderen den Zugang vorenthalten, was durchaus im Interesse unserer individuellen Selbstbehauptung liegen kann, weil das, was sie in unserem Bewusstsein finden, auf Grund der Natur des Bewusstseins jederzeit verständlich ist. Dann machen wir von dem auf Universelles eingerichteten Organ für Bedeutungen, die als solche allgemein und öffentlich sind, einen privaten Gebrauch. Diese Fähigkeit ist essenziell für die Individualität des Menschen, die nur im Umgang mit der Universalität der Bedeutungen als einzigartig begriffen werden kann. Alles Öffentliche bezieht seinen Sinn daraus, das Private zu schützen. Ist das Vermögen des Individuums, etwas nur für sich behalten zu können, im Umgang mit den allgemeinen Leistungen seines Bewusstseins erkannt, können wir auch die Subjektivität des Selbstbewusstseins fassen: Sie ist etwas, das immer erst im Kontrast zur ursprünglichen Objektivität des Bewusstseins entsteht und sich mit dem Erleben der Einzigartigkeit eines Eindrucks einstellt, vor der jeder Begriff versagt. Keine auf Allgemeinheit - und damit auf öffentliche Geltung - angelegte mentale Repräsentation ist geeignet, das Individuelle in seiner Individualität zu begreifen. Das zeigt sich nicht nur an der Art, wie sich derzeit die zwei aus Japan stammenden Kirschbäume am Elbufer bei Teufelsbrück mit ihren blühenden Zweigen so innig umschlingen, als wollten sie nie auseinandergehen, sondern auch an dem subjektiven Eindruck, den ich davon habe. Qualia gibt es, so wie es die unnachahmliche Stimmung gibt, die der westliche Abendhimmel über den Dächern des Gendarmenmarkts erzeugt. Sie führen uns vor Augen, dass nicht alles auf Begriffe zu bringen ist - innerhalb wie außerhalb des Bewusstseins. Wohl aber zeigt sich, dass wir für das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität das Gleiche sagen können, was für die Beziehung zwischen privatus und publicus gilt: Der volle Sinn des einen, kommt nur in der Abgrenzung gegenüber dem anderen zur Geltung. Auch wenn das Bewusstsein ursprünglich allgemein, objektiv und öffentlich ist, tritt die Bedeutung dieser Beschreibung erst in der Abgrenzung vom Gegenteil hervor. Wir wissen die Objektivität des Bewusstseins erst zu schätzen, wenn wir die Schätze und Abgründe der Subjektivität an uns selbst erfahren haben. Die Bedeutung der These vom Bewusstsein als Organ nicht nur des einzelnen Menschen, sondern als Organ der Menschheit wird uns vermutlich erst dann bewusst, wenn wir von dem durch Träume, Täuschungen, Hirngespinste, Lügen und ständig neu aufsteigende Zweifel genährten Verdacht erfasst worden sind, das Bewusstsein sei selbst nicht mehr als eine Illusion, die uns über unsere Nichtigkeit hinweg sehen lassen soll. Man braucht aber nur zu realisieren, dass bereits im Zweifel eine bewusste Leistung liegt, über die wir uns mit unseresgleichen verständigen, um augenblicklich einzusehen, dass der Verdacht in der Verständigung über ihn an seiner Grenze stößt. Folglich sind wir im Bewusstsein tatsächlich miteinander verbunden - und dies in einer gleichermaßen sachlichen wie direkten Art, dass kein vernünftiger Zweifel daran möglich ist, dass wir Menschen in einem Bewusstsein verbunden sind. Es ist das Organ, in dem wir, wenn überhaupt, erst zu Menschen werden.

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Endnoten


1Wenn wir von Sinnesorganen sprechen, sind in der Regel die physiologisch ausgeprägten Rezeptoren wie Augen, Ohren, Nase oder Haut gemeint. Doch wer etwas „im Ohr", „in der Nase", „im Auge", gar „im Blick" hat, meint nicht nur das Körperteil, sondern immer auch die Empfindung, die es vermittelt. Zwischen dem Staubkorn, das jemand „im Auge" hat, und der auffallenden Schönheit, die ihm trotzdem „ins Auge" fällt und die er „im Auge" zu behalten sucht, besteht ein himmelweiter Unterschied. Wer „die Nase voll" hat, meint in den seltensten Fällen seinen Schnupfen.
2William James nennt die Aufmerksamkeit (attention) „the taking possession by the mind, in clear and vivid form" (James 1890, 381). Das gilt nicht nur für die jeweiligen Gegenstände, sondern auch für den Geist selbst. Zur Beschreibung des Phänomens vgl. Waldenfels 2004.
3Der vorliegende Text wurde in seiner ersten Version am 16. April 2009 als Vorlesung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften gehalten. Für die Überlegung ist von Vorteil, an den aktuell-gemeinsamen Bezug von Sprecher und Hörer appellieren zu können. Aus diesem Grund wurde in der überarbeiteten Druckfassung der Vortragscharakter beibehalten.
4Siehe dazu in Kürze: Matthias Jung (2009): Der bewusste Ausdruck. Anthropologie der Artikulation. Berlin/New York: de Gruyter.
5Vgl. Blumenberg 2006, Müller 2005 und 2009, Recki 2010.
6Vgl. Cassirer 1944 und Recki 2004.
7Ich füge auch hier hinzu, dass etwas Bedeutung als Teil in einem Ganzen haben
kann. Es muss als Ding oder Ereignis seinen Ort in der Welt haben. Die Bedeutung, die es so immer auch als Repräsentant der Welt gewinnt, erlangt es zugleich nur, wenn die-oder derjenige, dem sie etwas bedeutet, selbst Teil der Welt genannt werden kann. Alle Bedeutung bezieht sich auf die Welt und ist für die Welt. Als Teil durchläuft sie einen Kreis vom Ganzen zum Ganzen.
8Zur Problematik vgl. Willaschek 2003, 102 ff.
9Ein Hinweis auf einen Vertreter in der deutschen Debatte mag genügen: Abel
1993.
10Ich nehme die ingeniöse Charakterisierung durch Helmuth Plessner auf, der von der „exzentrischen Positionalität" des menschlichen Bewusstseins spricht, und davon ausgeht, dass der Mensch nicht nur über die seiner Lebendigkeit zugehörige „Positionalität" verfügt, durch die er immer schon auf anderes seiner Selbst bezogen ist (1928, 360 ff.). In der „exzentrischen Positionalität" seines Bewusstseins hat der einzelne Mensch ein Gegenüber seiner selbst, in welchem er sich als er selbst erleben und erfahren kann. Die zum Leben gehörende Innen-Außen-Differenz, die jeden Internalismus im Augenblick seiner möglichen Entstehung (nämlich mit dem Beginn des Lebens) bereits ursprünglich hinter sich lässt, wird in der „exzentrischen Positionalität" reproduziert, so dass der Mensch sich in seinem Selbstbewusstsein zu sich selbst verhalten kann. Anstatt darin eine Verstärkung der von Anfang an gegebenen Außenbeziehung auch des Bewusstseins zu erkennen, nimmt der Skeptizismus die Selbstbezüglichkeit zum Anlass, an der Realität der Außenwelt zu zweifeln. Das verkehrt die Verhältnisse, wenn man bedenkt, dass bereits der Organismus konstitutionell aus sich herausgeht und das Bewusstsein diese Öffnung nur verstärkt. So liegt auch eine Verstärkung der Öffnung darin, dass ein Bewusstsein in seiner ursprünglichen Ausrichtung auf anderes vor Anderen, diese Anderen nach Art des Ich in sich reproduziert, um sie dann als multipliziertes Ich in der Form des Wir anzusprechen. - Der Hinweis mag erkennen lassen, dass die Eigenlogik des Bewusstseins bereits mit der Logik der abgrenzenden Beziehung des Organismus auf seine Umwelt verknüpft ist und insofern zwar eigenständig, aber nicht unabhängig von äußeren Bedingungen ist.
11In ähnlicher Weise ist die Gleichheit im Gebrauch der Freiheit angelegt. Damit gibt es keinen Anlass, von einer Alternative zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit zu sprechen. Man kann also auch die neuere Debatte über eine vermeintliche Alternative zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit auf sich beruhen lassen (vgl. Krebs 2000).
12Die begriffliche Bestimmung erlaubt den exakten Bezug auf Gegenstände und Ereignisse, auf Ursachen und Wirkungen sowie auf Zwecke und Mittel. Folglich ist es dem Menschen erst mit Hilfe dieser begrifflichen, auf gemeinsamen Vorstellungen beruhenden Leistungen möglich, sich auf gemeinsame Ausgangslagen und angestrebte Ziele zu beziehen. Damit ist es die Fähigkeit zur intellektuellen Repräsentation, die es ihm erlaubt, sich nicht nur durch Andere vertreten zu lassen, sondern selbst der Vertreter Anderer zu sein.
13Die unvermeidlich knappe Andeutung veranlasst mich, auf drei Vorstudien einer Theorie des Bewusstseins zu verweisen: Gerhardt 1999, 2001 und 2008b. Die Überlegungen sollen demnächst im Zusammenhang in einer Studie über die Öffentlichkeit des Bewusstseins vorgetragen werden.
14Ich verweise erneut auf die Erforschung der Aufmerksamkeit. Einen Überblick gibt Styles 2006.