Spree-Athen e.V.

Texte / Bibliothek

"Unsere Begegnungen könnte man auch ein unendliches Gespräch zwischen Philosophie, Literatur, Religion und Psychologie nennen – oder eine Bewegung zwischen Philosophieren, Dichten, Glauben, Wissen und Wahrnehmen."

Wi(e)der die Erinnerungskultur.

 
Vom Rückzug der jüdischen Tradition nach dem unermesslichen Desaster:
Wi(e)der die Erinnerungskultur.

Referentin: Prof. Dr. A.S. Bruckstein Coruh (TASWIR Projects / Ha´Atelier)
 
Prof. Dr. A.S. Bruckstein Coruh
 
Vortrag vom 15. März 2012
Literaturhaus Berlin, Fasanenstr.

(Quelle des Beitrages: www.taswir.org )
 

In diesem Text legt A.S. Bruckstein Çoruh die philosophischen und subjektiven Beweggründe für ihr immer wieder vorgetragenes Plädoyer einer internationalen Liaison jüdischer und islamischer Künstler und Gelehrte vor. Grundlage ihrer Überlegungen ist dabei ein Text des libanesischen Denkers, Künstlers, Filmemachers und Theoretikers JALAL TOUFIC mit dem Titel: Vom Rückzug der Tradition nach einem unermesslichen Desaster (August Verlag 2011, Erstveröffentlichung auf Englisch, 2009). Dieser Text, der das grundsätzliche Scheitern von Erinnerungskultur nach einem unermesslichen Desaster behauptet und dafür gute Gründe anführt, kann in seiner Bedeutung für die deutsche Diskussion zum jüdischen und deutschen Traditionsverlust, zur Erinnerungskultur, zum Umgang mit dem „Fremden“ kaum überschätzt werden kann.

A.B. Bruckstein Çoruhs Auseinandersetzung mit Jalal Toufic führt über Umwege und Abwege in Fragen des Erinnerns und des Vergessens, der Verwechslung und der Fälschung, des Doppelgängertums und der Trauer (als Widerstand gegen das Verschwinden), bis hin zur rabbinischen Figur der „Verkleidung der Tora.“ In ihr sieht Bruckstein Çoruh einen Schlüssel zum Umgang mit dem Rückzug der Tradition nach einem unermesslichen Desaster.

Wir veröffentlichen den Text der vorgetragenen Fassung.

How to Read an Image Past a Surpassing Desaster, JALAL TOUFIC / Courtesy of the Artist.

I Im Jahre der Flucht

Ich beginne mit einer persönlichen Erinnerung.

Diese berührt einen schmerzhaften Punkt, eine unlösbare Schwierigkeit, eine existentielle wie politische Aporie, das Eingeständnis eines Scheiterns, denn wie auch immer man es drehen und wenden möchte, meine Arbeit der letzten zehn Jahre, am Wissenschaftskolleg, in dem jüdisch-islamischen Projekt, mit den Berliner Festspielen, die große TASWIR Ausstellung, die Arbeit an der jüdischen Tradition, so die These, wird immer nur einen Schleier zeigen können, dessen, was nicht oder nicht (mehr) gezeigt, nicht oder nicht (mehr) gesagt, nur in Verkleidung und Mimikry berührt, nur im Versteckspiel, der Übertretung, gar der Transvestie behauptet werden kann. In dieser Transvestie des jüdischen Materials bleibt die jüdische Tradition sich treu, so die These, die den letzten zehn Jahren meiner Arbeit zu Grunde liegt.

Auf einem meiner letzten Streifzüge durch die Stadt, Al Quds, die Heilige, von der ich als Kind träumte, sie habe Flüsse statt Straßen, fand ich vor nicht langer Zeit in dem Buchladen des alten Herbert Stein eine unerwartete Kostbarkeit. Der Buchladen des alten Stein war ein Magnet für die ins Land gekommenen Deutschen gewesen, längst hat er seine Kundschaft verloren und sein Sohn Daniel, der den Laden nun regiert, resigniert hinter seinem improvisierten Verkaufstisch über dem gestorbenen Stoff der deutschen Juden. Nach einer langen Weile der Durchsicht durch allerlei Eklektisches fällt mein Blick dort auf das textile Muster eines Buchrückens, der zu einer rotgebundenen Kostbarkeit gehört. Ich trage sie als Hochzeitsgeschenk für meine bevorstehende Hochzeit aus dem Laden heraus. Es ist die Koran Ausgabe der Brandusschen Verlagsbuchhandlung Berlin aus dem Jahre 1916 in der Übersetzung des rabbinischen Gelehrten Lazarus Goldschmidt, derselbe Goldschmidt, dessen deutschsprachige Übersetzung des babylonischen Talmuds bis heute die einzig vorliegende ist.

Auf einer golddurchwirkten rot und blau florierten, reich ornamentierten Doppelseite fällt der Blick des Lesers auf die Ankündigung des Titels und die erste Sure des heiligen Korans auf goldenem Grund in folgendem Wortlaut:
„EL KORAN / das heißt / DIE LESUNG / Die Offenbarung des / Mohammed ibn Abdallah / des Propheten Gottes / Zu Schrift gebracht durch /Abdelkaaba Abdallah Abu Bekr / übertragen durch / Lazarus Goldschmidt / im Jahr der Flucht 1334 oder 1916 der Fleischwerdung.“ Auf der rechten Seite steht die erste Sure des Korans, „zur Eröffnung des Buches / Mekkanisch1 aus 7 Versen bestehend / Im Namen Gottes des Allerbarmers, des Allbarmherzigen,“ usf.

„Im Jahr der Flucht“ – der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina – „oder der Fleischwerdung“ – nicht einfach „n.Chr.“, sondern mit ausdrücklichem Hinweis auf die theologischen Voraussetzungen christlicher Zeitrechnung. Was für eine überraschende doppelbödige persönliche Bezugnahme, und empathische Stellvertretung aus der Feder des großen deutsch-jüdischen Gelehrten. Warum?

Die Beweggründe für einen herausragenden jüdischen Gelehrten, sich mitten im ersten Weltkrieg unter Auslassung jüdischer Bezüge stellvertretend an einen Punkt der Gleichzeitigkeit islamischer und christlicher Zeitrechnung hinein gestellt zu haben, bleiben im Dunkeln. Die Inspiration, die von dieser Geste für eine Handvoll jüdische Intellektuelle heute ausgehen mag, die mit Traurigkeit der Zerstörung und dem Verschwinden der kosmopolitischen jüdischen Traditionen zusehen, lässt sich hingegen darlegen. Es lässt sich vor allem darlegen, warum es der Abwege und Umwege bedarf, um diese Traditionen zu berühren – warum wir den jüdischen Stoff, der sich in einem großen Museum, oder einer Galerie in Istanbul, oder in Zusammenarbeit mit William Forsythe, oder an einer Psychoanalytischen Hochschule noch zeigen lässt, in einer gewöhnlichen Talmud Akademie so nicht mehr zeigen können. Niemand hat dies eindrücklicher dargelegt als der libanesische Schriftsteller und Filmemacher Jalal Toufic in seinen Arbeiten über den Effekt eines anhaltenden Desasters jenseits der Katastrophe der Zerstörung.

Jalal Toufic veröffentlicht 2009 einen Text mit dem englischen Titel „The Withdrawal of Tradition Past a Surpassing Disaster“. TASWIR projects hat diesen 2011 im August Verlag in der Übersetzung von Christoph Nöthlings auf Deutsch veröffentlicht: „Vom Rückzug der Tradition nach einem unermesslichen Desaster“. Was meint Jalal Toufic mit dem Begriff eines „unermesslichen Desasters“? Ein unermessliches Desaster, nach Jalal Toufic, ist eine Zerstörung durch Krieg, Mord, koloniale Besatzung, Völkermord oder andere gewaltsame Vorkommnisse, die nicht nur eine materielle Zerstörung von Personen, Gebäuden und kommunalen Strukturen während der gewaltsamen Ereignisse bewirkt, sondern die einen irreparablen Rückzug der Tradition selbst nach sich zieht – auch dann noch, wenn die Bücher, Bibliotheken, Museen, Gebäude und anderen beschädigten Artefakte der zerstörten Community längst materiell wieder hergestellt sind. Ein unermessliches Desaster, nach Jalal Toufic, bewirkt über die materielle Zerstörung hinaus einen immateriellen Rückzug der Tradition, der über die Katastrophe hinaus fortwirkt, sodass es für Schriftsteller, Künstler, Filmemacher, Musiker und andere Kulturschaffende fortan nicht mehr möglich ist, das Material ihrer eigenen Tradition nach der Katastrophe wieder herzustellen, zu berühren, zu bearbeiten, zu tradieren, sogar dann nicht, wenn die Materialien physisch und materiell wieder in Fülle zu haben sind. Die Tradition zieht sich „immateriell“ zurück, aufgrund des irreparablen Schadens, den sie durch die Gewalt der Ereignisse genommen hat, ein irreparabler Schaden, für den diejenigen sensibel sind, die der Community, die von dem Schaden betroffen ist, angehören.

Die jüdische literarische Tradition, zum Beispiel, war arabisch sprachig im 12. und 13. Jahrhundert von Bagdad bis Fez, Kairo und Cordoba, und sie war deutschsprachig in den Rabbiner Seminaren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Beide Zeitfenster haben in ihrer spezifischen Gelehrsamkeit und kosmopolitischen Offenheit eine Wissenschaft des Judentums geprägt, deren Quellen in arabischer und deutscher Sprache gefasst sind und die die jüdische literarische Welt weit jenseits der unmittelbaren Beschäftigung mit traditionellen Stoffen tief geprägt haben. Der kosmopolitische Esprit dieser Quellen, die radikale Verweigerung territorialen Denkens, die in ihnen zum Ausdruck kommt, lässt sich allerdings nicht mehr einholen. Nach dem Mord der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und nach der Gründung eines jüdischen Nationalstaates scheint der Weg zu dieser weltläufigen Offenheit versperrt, obwohl die Materialien in wachsenden, gut sortierten Bibliotheken in Jerusalem, New York, Berlin und anderswo leichter zu haben sind, denn je. Eine Handvoll jüdischer Intellektueller, mehr sind es nicht, sehen sich heute mit einer paradoxen und zunehmend schwieriger werdenden Aufgabe konfrontiert, der Aufgabe der Vergegenwärtigung einer Tradition inmitten ihres immateriellen Rückzugs, noch dazu auf einem Agitationsfeld, das von einem perversen Phantombild dessen, was nicht mehr zu haben ist, bestimmt wird: jüdische Traditionen, die sich insbesondere in arabischer und deutscher Sprache exponiert haben und sich oft auf radikale Weise der Begrenzung ihrer Horizonte durch territoriale Repräsentationen und Grenzsetzungen verweigerten, finden sich nun fast durchgängig in Liaison mit einem Territorialstaat, dessen Prinzipien der Ungleichheit seiner Bürger diesen kosmopolitischen Quellen von Anbeginn zum Hohn gereicht. Die Berufung auf „jüdische Tradition“ in dieser Umklammerung wird zur verachtenden Usurpation, zur Mimikry, Nostalgie und Kitsch, im besten Falle zu einer Erinnerungskultur der Doppelgänger.

Photo: Gilbert Hage / Toufican Ruins? 2010

Am radikalsten vom immateriellen Rückzug betroffen ist jene Tradition des Messianischen, die bis in das 20. Jahrhundert der Literatur, Philosophie, Kunst, und Psychoanalyse hinein behauptet hat, die Erlösung finde nicht im linearen Fortgang der Geschichte, nicht in der Politik irgendeines Staates, sondern nur im fortwährenden Aufschub der Beheimatung, in der unendlichen Verzögerung der Ankunft, in einer Art doppelt, dreifach und vielfachen Bahnung der Differenz, in der Lücke des nicht-Identischen statt, für die die rabbinischen Gelehrten das Wort „Galut“ – „Exil“ geprägt haben.

Diese Art der Historiographie, für die der Blick auf die Vergangenheit aus einer noch nicht eingelösten Zukunft erwächst, und die in der rabbinischen Überlieferung die Lektüre aller Dinge bestimmt, gibt den Blick auf ein Trümmerfeld frei, auf dem die Inspiration durch jüdisches, rabbinisches, traumwandlerisches Denken nicht mehr zu haben ist. Jedenfalls nicht ohne den Schleier der Verwandlung.


II Vom Umgang mit der Aporie des Rückzugs / Lücken-Lese

Das TASWIR Projekt wählt einen prekären Weg der Annährung an eine Vergegenwärtigung der immateriell im Rückzug befindlichen jüdischen Tradition. Sie vermeidet alle ideologisch besetzten jüdischen Referenzen, und zeigt stattdessen Artefakte europäischer, persischer, islamischer, arabischer, judeo-arabischer oder sonstiger Provenienz, die sich als Schleier einer verbotenen, vergessenen Liaison lesen lassen. Die TASWIR Ausstellung übersetzt die interpretierende Geste der Rabbinen, die in den Lücken, dem Nichts, der Leerstelle zwischen den Zeichen beginnt, in einen kuratorischen Denkraum der räumlichen Gestaltung. Methodisch entspricht diese Geste dem, was Derrida mit Freud das Prinzip der Verräumlichung der Schrift nennt.

Image: Max Ernst, Maximiliana ou l Éxercise illégal de l Astronomie, 1964
 
Der vollkommene Text in Midrasch, kabbalistischen und muslimischen Quellen
(Torah Kelulah, der Heilige Qur an) liegt in der Struktur seiner abgründigen materiellen Oberfläche,
die Textfläche und Bildfläche zugleich ist.

Elliot R. Wolfson
 

Die Verräumlichung der Schrift ist selbst traditionell.Nach den Quellen der Sufi und kabbalistischen Traditionen des 13. Jahrhunderts findet jede Lektüre „heiliger Texte“ ihren Grund und ihre ewige Wiederkehr in den leergelassenen Freiräumen zwischen Buchstaben, Worten, Zeilen und Marginalien.

Image: Hadith on Forbidden Sexual Relations / Muhammad ibn Ismail al-Bukhari, 810-870, dated from 1398

Das Blatt dieses spezifischen Hadith handelt von verbotenen sexuellen Beziehungen und von erlaubten und verbotenen Eheschließungen. An dieser Stelle möchte ich den Blick auf die äußere Form des Blattes richten, auf die Schichtung der diachronen Bezüge in den Rändern, in der Marginalie dieses Dokuments, ein Nebeneinander der Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitschichtungen, die in einer immer wiederkehrenden, a-linearen Dynamik in den leergelassenen Freiräumen zwischen den Buchstaben und Worten wurzelt, in die hinein, oder aus denen heraus die Interpretation förmlich fließt, in einer Bewegung von der Marginalie ins Zentrum und zurück, mit dem Ergebnis der Schaffung eines Palimpsests der Schichtung vieler Stimmen auf einem Blatt, Utopie des Heterotopen an einem Ort.

Jüdische und islamische Mystiker des 13. Jahrhunderts haben eine poetische Technik, einen Sinn überbordenden Materialismus im Umgang mit dem Körper des Textes entwickelt. Kabbalistische und Sufi Gelehrte in Frankreich und Spanien verstehen die göttliche Unendlichkeit als einen Körper implodierender Fülle, die Schrift als eine Matrix der Schöpfung, ihre Zeichen als wundersame Anfänge neuer Überlieferung. Hebräische und arabische Buchstaben werden von den Mystikern des 13. Jahrhunderts als visuelle / körperhafte Zeichen gelesen:

 
Die Materialität (der Zeichen) ist ein Mantel, ein Schleier, durch den sich die leuchtenden Formschatten
der hebräischen Buchstaben zugleich verbergen und offenbaren.

Elliot R. Wolfson
 

"Schwarzes Feuer auf Weißem Feuer“, die Umm al-kitab, „Mutter (aller) Bücher” verschleiert die Geheimnisse ihres Körpers durch Leere, Nichts, „weiße Tinte“, „wundersame Anfänge“.

Image: Wolfgang Laib, Die fünf unbesteigbaren Berge, 2012, TASWIR Ausstellung / Photo: Di Mackey
 
Kabbalisten und Sufi sind sich einig dass der Weg jenseits der Buchstaben (ob geschrieben oder gesprochen) nur durch die Form der Buchstaben selbst möglich ist, Buchstaben, die sowohl visuelle
wie auch auditive Zeichen sind, semiotische Chiffren, sichtbar und hörbar zugleich ( ) Zeichen,
die das nicht-Mitteilbare nicht durch eine ( ) Methode der symbolischen Logik kommunizieren,
sondern durch eine Methode poetischer Anspielungen.

Elliot R. Wolfson
 

Tora und Qur’an verweisen auf ein abwesendes, nicht verfügbares, unlesbares Buch, ein Buch, das die Rabbinen „Em laMiqra“ und die muslimischen Gelehrten „Umm al-Kitab“ nennen, eine Art himmlische Kopie, die jeden irdische Koran, jede irdische Tora vorläufig und nachträglich erscheinen lässt; alle vorliegenden „Urtexte“ sind eine Art „zweiter Niederschrift“, zweite Kopie, Übersetzung „ohne Original“, „schwarzes Feuer auf weißem Feuer“, erste Spur der Marginalie, kein Urtext, nirgendwo.

Eine Form der Schrift tritt vor Augen, die die Grenzen zwischen Schreiben und Zeichnen, oder Malen, verwischt und also eine Transvestie erlaubt, eine mögliche Transvestie nach dem Rückzug der Tradition.

Image: The Forsythe Company, Human Writes , 2005-2012, TASWIR Ausstellung, courtesy ha atelier

Der Diskurs der Rabbinen verlangt die Einübung in ein semantisches Verwirrspiel, das aus genannten politischen Gründen an überraschenden Orten der Wiederkehr besser aufgehoben ist als in den bestehenden Talmudakademien. Ein Verwirrspiel, in dem diejenigen den Weg weisen, die mit einem Schriftkörper wie mit einer Bilderlandschaft umgehen, und dabei mit dem Gedächtnis, der Sprache, der Erinnerung arbeiten, also Zitieren können, das Zitierte aber zugleich verschleiern, verschieben, vertauschen, spiegeln, zerstückeln, aus dem Zusammenhang heben, und neu zu verbinden wissen, wie die Rabbinen im babylonischen Talmud. Aby Warburg nennt diese Technik der Verschiebung: das „Schieben der Gestelle“. Dabei verwandeln die rabbinischen Meister alle „Primärprozesse“, jeden Urtext und jede Ur-Szene durch ihre Technik der Verschiebung und Verdichtung der Dinge in ein Spiegel-Geflecht ohne Original, sie praktizieren eine Geste des unendlichen Verweisens.

Was mich interessiert, ist eine theoretische wie politische Einübung in die (rabbinische) Methode des Verweisens, diese Wachsamkeit für die erratische Gleichzeitigkeit der verschiedenen Schichtungen der Tiefe. Wir haben versucht, diese Arbeit in Anlehnung an Aby Warburg in einem Atlas der materiellen Gleichzeitigkeiten, der Objektverschiebungen und poetischen Assoziationen neu zu erschaffen, ein Atlas, der in seiner Lücken-lese so zu lesen ist, wie eine Seite des babylonischen Talmuds.

Mich fasziniert dieses deflektierende, bodenlose Arbeiten heute vor allem als Voraussetzung für die Schaffung eines öffentlichen Ortes, dem ich während der letzten Jahre sehr bruchstückhaft, hier und dort, Gestalt zu geben versucht habe, die Schaffung eines multiplen Kanon künstlerischer Produktivität, Kanon, von kaneh, hebräisch/ griechisch Rohr, Schacht, Halm des Wissens, der vereinzelt da steht, an-archisch, vielfach überwuchert.

In meiner Arbeit an Freud, Derrida, Talmud und TASWIR interessiert mich die Schaffung eines Ortes, an dem Gleichzeitigkeit des Diachronen und Überlappungen des Verschiedenen möglich ist, in dessen Ordnung es kein Vorher und Nachher gibt, an dem die Kategorien von Gegensatz und Widerspruch „schlichtweg zu vernachlässigen sind“ (Sigmund Freud), ein Ort, an dem sich Kräfteverhältnisse durch poetische Assoziationen und unerwartete Berührungen in ihr Gegenteil verkehren können, wo Dinge aus der Marginalie ins Zentrum, aus dem Hintergrund nach vorne gerufen, oder aus dem Zusammenhang gerissen, neu geordnet werden. Ein Ort, an dem das hierarchische und kausale Nacheinander der Dinge mitsamt seinem unverrückbar scheinenden linearen Zeitbegriff in ein differentielles Spiel des Nebeneinanders verwandelt wird. Was mir vorschwebt ist eine institutionelle Umsetzung rabbinischer Techniken als prozessualer öffentlicher Ort der Wissenschaften und Künste. Einen experimentellen Anfang dieses Begehrens hat die Ausstellung TASWIR gezeigt. In ihr haben Künstler und Gelehrte aus aller Welt Objekte der klassischen islamischen Kunst, die sonst der linearen Ordnung europäischer Geschichtsschreibung verhaftet sind, in ein freies assoziatives Geflecht poetischer oder emotionaler Bezüge gestellt, einem Traumtext gleich, nicht unähnlich den Gedankenwegen des babylonischen Talmuds. Nur hat TASWIR die Marginalie wie ein Handschuh von außen nach innen gestülpt, im „Innen“ findet die unendliche Verzweigung statt, im Lichthof des Museums eine Madrasa, eine Produktionsstätte, Ausstellung in der Ausstellung in der Ausstellung.

Image: Sidney Corbett, Breathing the Water, Staatskapelle Berlin, 2010 / TASWIR Martin-Gropius-Bau, Courtesy ha atelier