Spree-Athen e.V.

Unser Verein

Unser Verein möchte eine Atmosphäre des zwanglosen Gedankenaustauschs im Sinne der erzählenden Philosophie und des dialogischen Denkens befördern. Dazu finden regelmäßig Vorträge, Diskussionen, Gesprächsabende und zuweilen auch Symposien statt, deren Texte – wenn möglich – veröffentlicht werden.

Unser Verein

 
Bitte und Jubiläum

Liebe Freunde und Mitglieder von Spree-Athen,

auch in diesem Jahr kann und darf ich es mir nicht verkneifen, Sie/Euch um finanzielle Mithilfe für unsere Arbeit zu bitten.
Wer angesichts so vieler Bitten von allen Seiten das Wort Spende
nicht mehr gern hört, darf das ist der Vorteil der digitalen Welt
diesen Brief natürlich ganz schnell wegklicken .

Für alle Anderen sei mein nicht Können und nicht Dürfen kurz erläutert:
trotz eines erfreulichen Zuwachses an Mitgliedern und
der bei den Veranstaltungen nie leer bleibenden Spendenbüchse bedarf es doch mindestens einmal im Jahr eines kräftigen Schlucks aus der goldenen Flasche , um unsere Arbeit auf dem
gewohnten Niveau fortsetzen zu können.
 
 
 
 

Was wir wollen !

Die Erzählung ist älter als die Erkenntnis, das Gespräch älter als das Dasein, so sagte es vor 90 Jahren der Mediziner und Philosoph Viktor von Weizsäcker. Ob das Ältere „besser“ sei oder das Jüngere, ist hier, wie andernorts, keine sinnvoll zu stellende Frage – doch zweifellos wird jede Erkenntnis aus der Quelle des Erzählens reichhaltiger, vielfältiger und anschaulicher, und ein Dasein, welches des Gesprächs ermangelt, kann kaum eines genannt werden. Das vorangestellte Zitat führt aber vor allem auf das weite Feld einer erzählenden Philosophie und eines dialogischen Denkens, derer wohl jede Gesellschaft – so auch die unsrige - im Sinne einer gelingenden Zukunft bedarf, wie vorläufig diese Begriffe auch sein mögen. Zumindest leisten sie jedweder Totalität sowie der Verdinglichung durch die reine Faktenwelt Widerstand. Unser Verein nun möchte eine Atmosphäre des zwanglosen Gedankenaustauschs im Sinne der erzählenden Philosophie und des dialogischen Denkens befördern. Dazu finden regelmäßig Vorträge, Diskussionen, Gesprächsabende und zuweilen auch Symposien statt, deren Texte – wenn möglich – auch veröffentlicht werden.

Wie passt dazu der Name Spree-Athen, der dem Berlin um 1800 gegeben wurde? Als wir vor einigen Jahren spontan diesen Namen wählten, waren wir ein kleiner Kreis, der sich dem Versuch widmete, in der Aufklärung und dem Idealismus jener Zeit um 1800 Antworten auf heutige Fragen zu finden. Dies stellte sich bald als zu eng heraus, und ein Blick auf unsere Themenvielfalt der letzten Jahre zeigt bereits die Überwindung jener Verengung. Es bleibt jedoch die Einschätzung, dass im Berlin um 1800 - als einer Stadt der Künstler und Philosophen, der Salons und der Blüte in Musik und Architektur, der Lessings und Mendelssohns sowie der Gebrüder Humboldt - die Totalität der höfischen Kultur aufgebrochen wurde. Ferner kämen wohl bei weiterem Entblättern des Namens Spree-Athen die besonderen kulturellen Beiträge der jüdischen Kreise zutage sowie der über die „Franzosenpartei“ hinausgreifende Kosmopolitismus, wie er sich im Wirken der Humboldts zeigte, um nur diese Beispiele zu nennen. Auch erste Spuren der erzählenden Philosophie finden sich bei Moses Mendelssohn sowie solche des dialogischen Denkens bei Wilhelm von Humboldt.

Doch zweifellos liegt uns eine andere Periode näher, die ebenfalls geprägt war von der Befreiung aus geistiger Erstarrung: die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, als, nicht zuletzt auch und gerade in Berlin, sich vor allem jüdische Literaten, Philosophen, Religionsdenker und Künstler von der bürgerlich-wilhelminischen Kultur lossagten. In dieser Zeit verbinden wir mit den Begriffen der erzählenden Philosophie und des dialogischen Denkens Namen wie Franz Rosenzweig, Martin Buber, Walter Benjamin, Viktor von Weizsäcker oder Eugen Rosenstock-Huessy, um nur einige aus der Fülle von Namen zu nennen. Nun spricht man seit einiger Zeit von einer Epochenverwandtschaft zwischen dieser Zeit und derjenigen um 1800 – und spielt damit auf das Offene, das Experimentelle, auf die Kritik am Abstrakt-Begrifflichen und die Hinwendung zu einem sprechenden und hörenden – dialogischen - Wahrnehmen an, worin sich die Befreiung von Totalität und Verdinglichung in beiden Epochen artikulierte. Dabei gewann auch die Auslegung heiliger und profaner Texte neue Bedeutung.

Es geht uns nicht um eine – ohnehin nicht mögliche - Rekonstruktion des Vergangenen, wohl aber darum, Brüche kenntlich zu machen und das Zerstörte nicht dem Vergessen zu überlassen, zumal insbesondere Deutschland sich bis heute nicht vom Verlust des jüdischen Geistes erholt hat.
Fragen wir also kühn, von welcher kulturellen Totalität wir uns womöglich heute zu befreien hätten. Doch ist nicht gerade die Vielfalt und Offenheit Kennzeichen unserer Zeit? Aber wenn diese Worte beschönigend verdecken, was unter einem umfassenden Machtanspruch der Ökonomie als Kulturindustrie auftritt? Schließlich schützt auch die Vielfalt nicht vor dem Monologischen, dem Kommerziellen, dem Ausschließenden und Abschließenden.

Unser Anliegen ist es, Raum zu schaffen für das Gespräch, in dem nicht „Kultur“ konsumiert wird, sondern Fragen entstehen statt vorschneller Antworten. Im Offenhalten der Fragen wollen wir zugleich die Grenzen zwischen Disziplinen und Denkstilen genauso durchlässig machen wie zwischen verschiedenen Kulturen und Milieus – ohne die jeweiligen Besonderheiten der Einen in den Anderen aufgehen zu lassen. Unsere Begegnungen könnte man auch ein unendliches Gespräch zwischen Philosophie, Literatur, Religion und Psychologie nennen – oder eine Bewegung zwischen Philosophieren, Dichten, Glauben, Wissen und Wahrnehmen. Dabei sollen klassische und moderne Denker, immer wieder jüdische, und immer öfter auch solche aus außereuropäischen Kulturen zu Wort kommen, die selbstredend auch zu den drängenden Fragen unserer Zeit Denkanstöße und Anregungen geben sollen.