Jahresbrief 2019

Liebe Freunde und Mitglieder von Spree-Athen,

seit nun bestimmt acht Jahren schreibe ich jeweils zum Jahresende einen Brief mit der Bitte um Unterstützung unserer Arbeit. Es fällt mir von Jahr zu Jahr schwerer, den richtigen Einstieg zu finden, da ich das Gefühl habe, in der Schleife fortwährender Wiederholungen zu stecken. Nun ist dies aber auch nicht der Ort, lange Geschichten zu erzählen, denn Ihr/Sie Alle wisst/wissen sowieso, was am Ende kommt. Und die Konzentration aufs Wesentliche wurde mir denn auch von keiner Geringeren als unserer Schatzmeisterin anempfohlen. Also mache ich es vielleicht einmal anders herum: ich fange mit der traditionell leicht schambesetzten pekuniären Thematik an, und dann kann ich vielleicht noch etwas „erzählen“.

Hier also die jahreszeitlich übliche Bitte, unsere Tätigkeit mit einer großen oder kleinen oder mittelgroßkleinen Spende zu unterstützen. Dafür bekommen Sie/bekommt Ihr dann selbstverständlich auch eine Spendenbescheinigung, die steuerlich geltend gemacht werden kann. Wir sind auf diese Mithilfe nun einmal angewiesen, wenn wir auch in Zukunft Monat für Monat Sie und Euch mit einem ambitionierten Programm erfreuen wollen, bei dem es um existenzielle Fragestellungen geht, die an Beispielen aus Philosophie, Literatur, Kunst, Religion oder Psychologie behandelt werden. Wer unsere Arbeit also auf diesem Wege unterstützen möchte, dem sei hier schon einmal gedankt und auch die Bankverbindung genannt:

Die IBAN bei der Berliner Sparkasse lautet:

DE25 1005 0000 6603 0790 52

Das Konto läuft unter dem Namen Spree-Athen

Wer nun noch gern ein bisschen weiter lesen möchte, kann hier gern ein kleines Echo zum Thema Erzählen hören, das bei mir auf den wunderbaren Abend vor zwei Wochen nachklingt, als wir die Erzählkünstlerin Odile Neri-Kaiser zu Gast hatten. Wer dabei war, konnte sich der ansteckenden Begeisterung nicht entziehen, die vom Erzählen ausgeht. Das seit Sheherazade uralte Thema klang erneut an: Erzählen um zu überleben. Oder vom Überleben erzählen, um Wunden zu heilen. Ich denke an die Geschichte, die Odile von ihrem Großvater erzählt hat. Er sprach normalerwiese immer nur über den Krieg von 1914 und das Sterben in den Schützengräben. Aber eines Tages erzählte er vom kleinen kurzen Frieden, als die deutschen und französischen Soldaten gemeinsam ein Lied anstimmten und Zigaretten von der einen und Schokolade von der anderen Seite über die Frontlinie hin und her geworfen wurde. Eine sehr berührende Geschichte. Nach so langer Zeit, in denen die Kinder und Enkel den Großvater nur verbittert erlebt hatten, zeigte er sich plötzlich ganz anders, warmherzig und gerührt. Und so erinnert das Erzählen immer daran, wie jeder Mensch immer auch ein Rätsel bleibt und wie wir uns täuschen können in dem Bild, was wir uns vom ihm machen. Ein paar Tage darauf war ich in der Ausstellung der Fotografin Helga Paris in der Akademie der Künste: sehr berührende und intensive schwarz-weiß Fotos von Menschen im Alltag der Wendezeit, in Ost-Berlin, Moskau, Tiflis und Siebenbürgen. Jedes Gesicht erzählt zwischen Licht und Schatten der Fotos eine Geschichte vom Überleben und zeigt sich zugleich dem Betrachter als Rätsel. Was wäre, wenn die Gesichter aus dem Foto herausträten und den Mund zur Erzählung öffneten? Ich dachte dabei an die Erzählkunst unserer Vortragenden Odile Neri-Kaiser. An den Faden, von dem sie sprach, der von Generation zu Generation weiter gewebt wird, bis aus ihm ein Gewebe an Geschichten entsteht, ein unabgeschlossener Text. Und an Emmanuel Levinas, der so wunderbar formuliert hat: „Einem Menschen begegnen heißt von einem Rätsel wachgehalten werden“.

Dieser Satz benennt aus meiner Sicht auf treffliche Weise einen besonderen Aspekt unserer Zusammenkünfte. In diesem Sinne wünsche ich uns Allen auch weiterhin viele wachhaltende Begegnungen im Kaminzimmer des Literaturhauses.

Herzliche Grüße
Frank Hahn


Brief zum Jahresende 2019

seit nun bestimmt acht Jahren schreibe ich jeweils zum Jahresende einen Brief mit der Bitte um Unterstützung unserer Arbeit ...
von Frank Hahn