Jahresbrief 2020

Liebe Freunde und Mitglieder von Spree-Athen,

wenn man dem Kalender trauen mag, dann neigt sich auch dieses Jahr nun dem Ende zu, in dem wir uns nur sehr wenig begegnen konnten. Deswegen nutze ich diese Form des Briefes, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

In der Zeitung lese ich Reflexionen über die Frage der Zeit und über das Jahr 2020, „das nicht stattgefunden hat“. Tatsächlich geht es auch mir persönlich so, dass mir aus Sicht des ablaufenden Krisenjahres das vorige Jahr (2019) um Äonen weit zurückzuliegen scheint, von den Jahren davor gar nicht zu sprechen. Ohne mit dem Wort „Zeitenwende“ ein Klischee bedienen zu wollen, macht sich doch das Gefühl breit, dass etwas unwiederbringlich verloren gegangen ist in diesem Jahr. Liegt nicht etwas von Stefan Zweigs Buchtitel „Die Welt von gestern“ in der Luft? Ich habe festgestellt, dass nicht nur ich mir solche Fragen stelle, ebenso wie eine gewisse Erstarrung oder Lähmung nicht rein individueller Natur sind. Wie sollte es auch anders sein, nach einem dreiviertel Jahr des Ausnahmezustands, permanenter Anspannung und weitverbreiteter Angst und Ohnmachtsgefühle.

Was dürfen wir und was dürfen wir nicht? Eine solche Frage in Hinblick auf unser öffentliches wie auch privates Verhalten fortwährend sich zu stellen oder gestellt zu bekommen, wäre Weihnachten vor einem Jahr undenkbar gewesen. Eins jedoch dürfen wir nicht nur, sondern müssen es aus meiner Sicht sogar tun: über die uns belastenden Gefühle und Befindlichkeiten miteinander reden. Denn nichts wäre der Seele abträglicher, als in solcher Lage die Ängste und Unsicherheiten, die auf der Gesellschaft lasten, unter den üblichen rhetorischen Durchhalteparolen und Vernunftappellen – zuweilen mit erzieherischem Pathos gespickt - möglichst geräuschlos herunter zu schlucken. Ich stelle jedenfalls überall dort, wo es sich ergibt, einen wachsenden Gesprächsbedarf fest, ganz im Sinne jenes zwanglosen Gedankenaustauschs, den wir einst als prägend für das Selbstverständnis unseres Vereins formuliert hatten, sich dabei eben auch jener aufgeregten Attitüde entgegenstellend, einander vorschnell Etiketten irgendeines Lagers anzuheften.

Der Mensch lebt nun einmal von der Begegnung mit Anderen, daher bedaure ich es umso mehr, dass wir – wie alle anderen Kulturinstitutionen auch – gerade in dieser Zeit der Kontaktarmut keine Zusammenkünfte abhalten können. Lange Zeit war ich sehr skeptisch gegenüber der Idee, den einen oder anderen Vortrag Online anzubieten. Was aber, wenn die Schließung der Kulturstätten noch bis in den Sommer oder Herbst des nächsten Jahres andauert? Nun konnte ich in der letzten Woche einem Ereignis beiwohnen, das meine Haltung zu einem Online-Treffen ein wenig verändert hat. Ich habe eine Zoom-Konferenz mit 80 Teilnehmern erlebt, bei der tatsächlich nach dem Vortrag eine lebendige Diskussion entstanden ist. Ich hätte so etwas kaum für möglich gehalten. Diese Erfahrung hat mich inspiriert, und so habe ich vor, im neuen Jahr auch einmal ein solches Format anzubieten, zunächst vielleicht als Experiment. Noch steht nicht fest, welche Referenten dabei mitmachen würden und auch die technischen Details sind zu klären, aber all dies wird sich finden. Zweifellos entsteht nicht die gleiche Atmosphäre wie im Kaminzimmer des Literaturhauses, aber vielleicht eine andere. Ich werde Sie/Euch zu gegebener Zeit über die weiteren Pläne informieren.

In jedem Fall möchte ich nicht länger nur im Schweigen verharren, sondern vielmehr auch und gerade in diesen Zeiten Angebote machen für einen vielfältigen Austausch von Herz zu Herz und von Kopf zu Kopf. Denn mir scheint, dass hinter der medizinischen und politischen Krise momentan vor allem eine spirituelle Krise der Gesellschaft sichtbar wird, die viele Fragen aufwirft und den Ruf nach neuen Wegen des Miteinanders vernehmen lässt. In diesem Sinne gebe ich dieses Mal kein Gedicht mit auf den Weg, sondern ein erfrischendes Wort des Rabbi Nachman aus Bratzlaw , dem Urenkel des Baal Schem Tow: „Denke daran: nichts erzeugt Ganzheit im Leben besser als ein Seufzer, der aus tiefstem Herzen kommt.“
Nun wünsche ich Ihnen/Euch zunächst eine trotz allem beseelende Weihnachtszeit und für das neue Jahr Gesundheit und Zuversicht.

Herzliche Grüße
Frank Hahn


Brief zum Jahresende 2020

Liebe Freunde und Mitglieder von Spree-Athen,
wenn man dem Kalender trauen mag, dann neigt sich auch dieses Jahr nun dem Ende zu, in dem wir uns nur sehr wenig begegnen konnten. Deswegen nutze ich diese Form des Briefes, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

von Frank Hahn

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