Rudolf Prinz zur Lippe

Zum Gedenken an Rudolf Prinz zur Lippe
von Frank Hahn

Am 6. September ist unser langjähriger Weggefährte Rudolf Prinz zur Lippe verstorben. Wir trauern um einen Freund, der unser Wirken stets durch vielfache Anregungen bereichert hat. Kein anderer unserer Vortragenden war so häufig – entweder als Referent oder als Gesprächspartner – unser Gast wie er. Zudem war unser inzwischen legendäres achtstündiges Symposium im Juni 2010 im Radialsystem unter dem Titel „Mit- und voneinander Lernen der Kulturen“ gemeinsam mit ihm und seiner Stiftung „Forum der Kulturen“ sowie der von ihm mit getragenen „Initiative Humboldt Forum“ konzipiert und durchgeführt worden.

Im Laufe der Jahre ist Rudolf zur Lippe auch mir persönlich zum Freund geworden, der stets ein offenes Ohr hatte, wenn ich Rat suchte oder eine Frage erörtern wollte. Ich sehe ihn, wie er voller Geistesgegenwart und liebenswürdig den Menschen zugewandt sich in die wichtigen Themen unserer Zeit einmischte. Ich erwähne nur exemplarisch Afrika, nachhaltige Ökonomie, das Miteinander Lernen der Kulturen, Spiritualität als Gegensatz zum Dogma, das Humboldt Forum in Berlin, die Befreiung der Menschen aus geistiger und körperlicher Erstarrung.

Ich höre in seiner Stimme auch immer die der anderen Denker, die – so unterschiedlich sie sind - ihn geprägt haben: die Stimmen Goethes und Adornos, Viktor von Weizsäckers und Wilhelm von Humboldts, Karlfried Graf Dürckheims und Gregory Batesons, Karl Jaspers‘ und Leopold Senghors. Vor allem aber doch seine eigene Stimme, die so zart wie klar, kräftig tönend und zugleich sich zurücknehmend immer einen Raum öffnete, in den man sich eingeladen fühlte. Ich sehe ihn beim Malen eines seiner Bilder, die aus der Bewegung entstehen und weitere Bewegungen freisetzen, beim Betrachter, im Bild und beim Künstler selbst.

Unter den wichtigen Anregungen, die ich Rudolf zur Lippe verdanke, erinnere ich mich sofort jener Bemerkung bei unserer ersten Begegnung, als er die Bedeutung der sinnlichen Wahrnehmung für unser Denken und menschliches Miteinander betont hat – und zwar im Gegensatz zu einer nur feststellenden und vermessenden Vernunft. Ich höre seinen stets mit Verve und Heiterkeit vorgetragenen Einspruch gegen das Entweder-Oder-Denken. Nicht zu vergessen seine freundlich, aber doch emphatisch geäußerte Kritik an jener oft krampfhaften Suche nach einer schon bekannten Figur (einem Vogel, einem Bären oder einem Baum), wenn jemand ein Werk der abstrakten Malerei betrachtet. Rudolf zur Lippe nannte es die Reduzierung des Unbekannten auf das schon Bekannte, womit die wunderbare Chance vergeben werde, sich als Betrachter des Bildes vom noch nicht Bekannten berühren und bewegen zu lassen und sich dabei vielleicht selbst ganz neu wahrzunehmen. Dies hat er durchaus ganz körperlich verstanden, entlang der von ihm entwickelten Philosophie des Leibes, ohne dessen feines Sensorium kein Denken gelingen könne. Überhaupt die Bewegung: sein Buch „Das Denken zum Tanzen bringen“ aus dem Jahr 2010 nannte sich im Untertitel eine „Philosophie des Wandels und der Bewegung“. Tatsächlich habe ich kein vergleichbares Werk je gefunden, in dem der Leser so spielerisch und nebenhin - wie unabsichtlich - lernt, anders zu sehen und sowohl sich wie die Welt je neu wahrzunehmen. Sehr eindrücklich ist mir die Stelle im Text präsent, an der Rudolf zur Lippe im herbstlichen Wald einen Haufen gelber und brauner Blätter am Boden liegen sieht. Nun geschieht etwas, das er eine „meditative Erfahrung“ nennt: Durch intensives Hineinblicken in die am Boden liegenden Blätter, entsteht eine Empfindung für die Räume zwischen den Blättern, und plötzlich sieht er nicht mehr Blätter, sondern ihr Liegen! Er selbst bezeichnete dies als die Wahrnehmung des Wirkens statt nur von etwas Bewirktem. Später erinnerte ich ihn an diese Stelle anlässlich einer kleinen Skulptur, die er verfertigt hatte, in der Schichten von schwarzem Seidenpapier luftig übereinander schwebten – und man sah tatsächlich zu allererst das Schweben selbst.

Rudolf zur Lippe war Künstler und Philosoph – doch wenn man sich schon auf solche Zuschreibungen einlässt, dann wäre noch einiges mehr zu erwähnen. Denn studiert hat er Geschichte und Volkswirtschaft, tätig war er als Lektor beim Propyläen-Verlag, er war Maler für Bühnenbilder, drehte einen Film über das moderne Ballett. In Hude bei Oldenburg leitete er 15 Jahre lang die von ihm initiierten „Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit“, die als Kolloquien zum transkulturellen Dialog mit Denkern aus aller Welt hochrangig besetzt waren. Schließlich lehrte Rudolf zur Lippe fast 30 Jahre als Professor für Ästhetik an der Universität Oldenburg sowie für die Philosophie der Lebensformen an der Universität Witten/Herdecke. Über all dem war er in der Begegnung mit den Menschen von einer ungemeinen Präsenz und Warmherzigkeit, die man nur selten antrifft. Auch im öffentlichen Diskurs enthielt er sich meist des rein akademischen Duktus‘. Er hatte es auch nicht nötig, da seine Sprache eine geradezu lyrisch gesprochene Prosa war, die den Zuhörer aufmerksam werden ließ. Zudem konnte man den Eindruck gewinnen, als habe er in verschiedenen Jahrhunderten und auf mehreren Kontinenten sowie innerhalb ganz unterschiedlicher sozialer Milieus gelebt, so nah am Leben waren seine Antworten auf so manche Frage. Einen Witz, eine Lebensweisheit, eine kleine Geschichte hatte er immer parat, um die großen Themen zwar nicht kleiner zu machen, aber ins Leben zu holen. Und wenn es nur sein oft zitierter Satz „einen Pudding kann man nicht an die Wand nageln“ war. Damit war allen Versuchen lebensferner Geistesakrobatik und aussichtslosen, quasi scholastischen Scheindebatten der Boden entzogen. Gegen das allzu Moralisierende, das rasch in fanatische Rechthaberei und sogar in Formen der Gewalt kippen kann, setzte er hin und wieder als Warnung die Geschichte vom Ritter, der auszog, den gefährlichen Drachen zu töten: Im Laufe der Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Drachen und schließlich im lebensbedrohlichen Kampf mit dem Scheusal wurde der edle Ritter in dieser Geschichte am Ende selbst zum Drachen.

Ein besonderer Genuss was das ruhige und jenseits des Zeitdrucks sich ereignende Gespräch mit Rudolf zur Lippe. Es entfaltete sich wie das Werden eines Kunstwerks: Er öffnete die Hände, die Augen, alle seine Sinne und lud sein Gegenüber mit einer offenen Geste ein, in der die Arme, der Atem, die Neigung des Kopfes andeuteten, dass man willkommen und angenommen sei. Er war nie belehrend, sondern überbrachte seine eigene Freude am Leben, an der Erkenntnis, an den Sinnen, an der Sprache, an den Übungen und der Bewegung jedem, der ihm begegnete. Das Gespräch mit ihm bewegte sich nicht auf der Ebene des Für und Wider – vielmehr gab ein Wort das andere. Ein Hinweis auf eine Gedichtzeile wurde von ihm durch eine weitere Zeile eines ganz entfernten Textes ergänzt. Man erwähnte eine kleine philosophische Entdeckung, und er fügte spielend etwas hinzu, was er vor Zeiten selbst entdeckt hatte – und so floss das Gespräch von einer spirituellen Blume zur nächsten, manchmal auch innehaltend im Schweigen, das sehr beredt war. Er selbst hat einmal das Wort vom getanzten Gespräch geprägt, und zwar in der Figur der Posa, in der er ein inneres Gewahrwerden der eigenen Schritte und der des „tanzenden Gegenüber“ sah. Tatsächlich konnte sich nicht nur in besonders glücklichen Momenten dieses Gefühl eines Gesprächs als Tanz bei ihm und mit ihm einstellen. Man ging dann reich beschenkt, und war sich selbst und der Welt neu gegeben.

Bei aller persönlichen Bescheidenheit konnte Rudolf zur Lippe doch auch scharfzüngig sein. Seine manchmal subversive Ironie war jedoch niemals verletzend oder herabwürdigend, sondern – wie im Beispiel mit dem Drachen – stets gleichnishaft, so dass sie auf liebenswürdige Weise den anderen zur inneren Umkehr anregen konnte.

Dabei war Rudolf zur Lippe durchaus auch der Typus des klassischen Intellektuellen mit einem breiten, fächerübergreifenden Wissen von der europäischen Philosophie über die Weisheitslehren Ostasiens und des Orients bis hin zu naturwissenschaftlich-medizinischen und kunsthistorischen Disziplinen. Und so beschenkte er uns im Laufe der Jahre mit ganz unterschiedlichen Themenabenden, an denen wir ihn im Literaturhaus Berlin zu Gast hatten: von Wilhelm von Humboldts Hermeneutik über die „Plurale Ökonomie“ zur Sprache Adornos und zum Thema „Heilen durch Erzählen“, das er zusammen mit Rainer M.E. Jacobi erörtert hat. Nicht zu vergessen der letzte Gesprächsabend im April diesen Jahres mit Manfred Osten über „Wahrnehmung als Grundlage aller Kultur“ sowie das Gespräch mit Christina von Braun über „Bild und Schrift“. Das von ihm initiierte Sufi-Festival de Fés in Berlin im Jahre 2015, zu dem auch unser Verein eingeladen hatte, wurde noch einmal mit einer eigenen Veranstaltung gewürdigt, wobei der Abend schließlich – unter Beteiligung des Publikums - in die sinnlich-assoziative Begegnung mit einem Kunstwerk mündete.

Das anfangs erwähnte Symposium des Jahres 2010 wirkt inzwischen auch in schriftlicher Form nach. Ich bin sehr froh, dass ich zusammen mit Rudolf zur Lippe in vielen Anläufen den Sammelband „Mit – und voneinander Lernen der Kulturen – für eine wechselseitige Aufklärung“ vorbereiten durfte, der endlich im November 2018 im Karl Alber Verlag erscheinen konnte. Für Rudolf zur Lippe kristallisierte sich in der von uns herausgegebenen Textauswahl so etwas wie die Summa seines langjährigen Wirkens hinsichtlich des transkulturellen Philosophierens und dem Engagement zu mehr Nachhaltigkeit. Ausgehend vom Symposium im Radialsystem versammelt der Textband unter anderem Beiträge von Galsan Tschinag, Boutros Boutros Ghali, Wim Wenders, Ilja Trojanow und vielen anderen. Noch vor einem halben Jahr sprach Rudolf zur Lippe davon, wie sehr ihm dieses Buch eine Herzensangelegenheit gewesen sei, hätten sich darin doch viele seiner jahrzehntelang verfolgten Initiativen gebündelt. Man könnte – mit einem anderen seiner Topoi – bei dieser Textauswahl auch von „Ordnungen anderer Art“ sprechen, da hier wie in dem getanzten Gespräch sich mehrere Text-Pirouetten ineinander verwoben haben – sich umkreisend, sich ineinander flechtend, sich übereinander legend, sich aneinander berührend.

Mir wird Rudolf zur Lippe immer ein Freund sein, anwesend in seiner Abwesenheit. Das Licht, das er aussandte, wird auch zukünftig in vielen Begegnungen und Bewegungen leuchten. Wie könnte es anders sein bei jemandem, der immer von der Resonanz und dem Zwischen als erster Wirklichkeit ausging? Oder wie eine seiner Ausstellungen betitelt war: the world contained in a grain of sand.


Geschrieben am 12. September 2019


Zum Gedenken an Rudolf Prinz zur Lippe

Am 6.September ist unser langjähriger Weggefährte Rudolf Prinz zur Lippe verstorben.

von Frank Hahn